Pakistan : Halbherziger Kampf gegen Taliban

Pakistans Armee sieht in den afghanischen Extremisten strategische Partner und hat kein Interesse, konsequent gegen die Islamisten durchzugreifen. Und der Anti-Amerikanismus im Land steigt.

Ruth Ciesinger
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Berlin Berlin - Möglicherweise hat Hillary Clintons Ausbruch Wirkung gezeigt. In der vergangenen Woche hatte Amerikas Außenministerin Pakistan ungewöhnlich scharf kritisiert. Die Regierung in Islamabad habe sich „faktisch den Taliban und den Extremisten gebeugt", konstatierte Clinton vor dem Auswärtigen Ausschuss des US-Repräsentantenhauses. Clinton hatte sich auf ein Friedensabkommen bezogen, dass Islamabad mit den Taliban im Swat-Tal geschlossen hat, einer bis vor kurzem im ganzen Land beliebten Ferienregion. Dort gilt nun die Scharia. Nachdem jetzt aber Extremisten in die benachbarte Provinz Buner weitergezogen waren, fiel die pakistanische Reaktion anders aus: Seit einigen Tagen fliegt die Armee Luftangriffe auf die Islamisten, Bodentruppen sind gegen die nach Militärinformationen 500 verbliebenen Terroristen im Einsatz.

Jedoch befürchten auch Kommentatoren in Pakistan, dass Regierung wie Armee die Bedrohung des Landes durch die Extremisten nicht in ihrer vollen Tragweite erkennen wollen. Die politischen Parteien sind mit ihren eigenen Machtspielen beschäftigt, die Regierung leistet sich trotz verheerender Wirtschaftskrise das bisher größte Kabinett mit mehr als 50 Ministern. Von denen hat bisher keiner irgendeine Verantwortung für die immer schlechtere Sicherheitslage übernommen. So groß wie die Begeisterung in der Bevölkerung Anfang vergangenen Jahres über die Rückkehr zur Demokratie und den Rücktritt von General Pervez Musharraf gewesen war, umso größer ist jetzt die Enttäuschung über die zivilen Politiker.

Auch deshalb, vermutet der Journalist Mohammed Hanif, könne sich eine gewisse Sympathie für die Taliban ausbreiten. Wenigstens seien die Gotteskrieger nicht korrupt, wird immer wieder als Argument angeführt. Dass im Swat-Tal nun Frauen und Mädchen von den Straßen und aus den Schulen verschwunden sind, Musikläden geschlossen haben und Friseure nur noch „islamische“ Haarschnitte anbieten dürfen, wird mit der „Kultur der Paschtunen“ erklärt. Offenbar in der Annahme, in anderen Landesteilen würde eine Herrschaft der Islamisten nicht so radikal daherkommen. Ein fataler Fehlschluss, sagt Hanif, wie jeder wisse, der einmal unter der Herrschaft der Taliban gelitten hat.

Die Armee wiederum, die jetzt in Buner gegen die pakistanischen Taliban vorgeht, hat nach Ansicht von pakistanischen und internationalen Experten nach wie vor kein Interesse, konsequent gegen die Islamisten durchzugreifen. Viele Militärs begreifen den Konflikt mit Indien um Kaschmir immer noch als wichtigste außenpolitische Determinante. Deshalb, sagt Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, geht die Armee zwar gegen die pakistanischen Taliban um Baitullah Mehsud vor, sieht dagegen aber afghanische Talibangruppen um Mullah Omar, Hekmatijar und Haqqani als strategische Verbündete. Für den Kaschmirkonflikt hat Pakistan Afghanistan jahrelang als Trainingsgebiet genutzt. Im Gegensatz dazu bombardiert die US-Armee diese Gruppen in den Stammesgebieten regelmäßig durch Drohnen - mit zivilen Opfern, was den Anti-Amerikanismus in Pakistan weiter anheizt.

Außerdem ist unklar, wie viele Unterstützer die Islamisten inzwischen in den Reihen der Armee selbst haben. Auch wenn sich deren Führung von den Extremisten distanziert hat, sagt Wagner, gebe es aufgrund der jahrelangen Zusammenarbeit eine gewissen Grauzone. Zudem sind viele der jüngeren Militärs, die demnächst Führungsposten übernehmen werden, in den 90er Jahren sozialisiert worden. Damals baute Pakistan die Taliban in Afghanistan auf, hatte aber aufgrund der Sanktionen keinen Austausch mit dem US-Militär.

„Das Militär“, sagt dazu der frühere Chef des pakistanischen Militärgeheimdienstes ISI, Asad Durrani, „ist immer ein Spiegel der Gesellschaft“. Das würde einerseits einen sehr kleinen Anteil echter Extremisten bedeuten: Bei den Wahlen im vergangenen Jahr spielten Pakistans religiöse Parteien so gut wie keine Rolle. Andererseits aber wächst mit dem Frust über das Versagen der Politiker auch die Sympathie für die Islamisten; dazu kommt ein extremer Anti-Amerikanismus, der mit jedem weiteren Drohnenangriff neue Nahrung bekommt.

Auch die Amerikaner wissen das und sind beunruhigt – schließlich ist Pakistan eine Atommacht. Dass die Sprengköpfe in die Hände der Islamisten geraten, gilt zwar als unwahrscheinlich, solange das die Armee selbst nicht will. Entsprechend wichtig ist für Washington ein enger Draht zu Pakistans Militärs und deshalb wird wohl auch über einen Plan neu nachgedacht, der bereits länger in der Schublade liegt. Wie die „Washington Post“ berichtet, könnten pakistanische Soldaten außerhalb des Landes von Amerikanern im Antiterrorkampf trainiert werden. Dadurch würde auch der Vorwurf umgangen, die US-Armee kämpfe auf pakistanischem Territorium. Wie ernst die USA die Lage in Pakistan nehmen, zeigt die Planung für das Treffen von Afghanistans und Pakistans Staatschefs Hamid Karsai und Asif Ali Zardari kommende Woche in Washington mit Präsident Barack Obama. Es soll vor allem um Pakistan gehen.

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