Palästinenser im Irak : Flucht ins Nichts

Palästinenser sind im Irak systematischer Verfolgung, Folter und Mord ausgesetzt. Aber gerade sie will Syrien nicht aufnehmen.

Gabriela M. Keller[Damaskus]

Es ist kurz nach Mittag, als der Wind aufkommt und Wolken von Sand heranträgt. Riad Yussef klappt die Plane seines Zelts zu; drinnen ist die Luft so heiß, dass sich kaum atmen lässt. „Es ist unmöglich hier zu leben, und doch sind wir schon über ein Jahr hier“, sagt er leise. Der 44-Jährige kauert auf einem Stapel Matratzen, die nachts als Betten dienen. Als er anhebt, seine Geschichte zu erzählen, bricht seine Stimme. Er zieht er einen Zettel hervor. „Wir wollen keine Palästinenser im Irak“, steht auf dem knittrigen Papier. „Wenn du nicht verschwindest, töten wir dich.“

Längst richtet sich die Gewalt im Irak gegen alle Volkssgruppen, doch die Palästinenser trifft besonders erbitterter Hass. Weil Saddam Hussein sich als Verteidiger dieses Volkes stilisierte, gelten sie als Günstlinge des ehemaligen Dikators. Human Rights Watch zufolge haben Milizen Dutzende von ihnen ermordet; andere wurden willkürlich von Sicherheitskräften verhaftet und gefoltert. Und weil kein Land sie aufnimmt, endet ihre Flucht zwischen den Grenzen, im Niemandsland.

Al Tanf liegt zwischen Syrien und dem Irak. Seit Juni 2006 leben hier 350 Menschen. Der Verkehr auf der Autobahn Bagdad-Damaskus rast direkt vor den Zelten vorbei. Ein Lastwagen, der wohl zu lange an der Grenze warten musste, hat daneben einen Haufen verotteter Tomaten abgeladen. Samira, die Frau von Riad Yussef, bringt Kaffee, auf dem Tablett liegt ein feiner Sandfilm. „Sie können sich nicht vorstellen, wie schlimm es hier ist“, sagt sie. „Alles ist schmutzig und nachts kriechen Spinnen und Mäuse in die Zelte.“ Zwei Menschen sind hier bereits gestorben. Ein Junge wurde überfahren, ein Diabetiker erreichte das Krankenhaus nicht schnell genug. Gerade hat eine Frau versucht, sich das Leben zu nehmen. Der Staub in der Luft hat viele der Kinder asthmakrank gemacht.

Riad Yussef tritt aus dem Zelt und starrt über die Wüste. Der Wind hat sich gelegt; einige Nachbarn hocken bei einem Backgammonspiel auf der Erde. „Wir sind selber schuld, weil wir als Palästinenser geboren sind“, ruft einer der Männer herüber. Alle lachen kurz auf und fallen dann in Schweigen. „Meine neunjährige Tochter fragt ständig: Wann können wir weg von hier? Und ich weiß nicht, was ich ihr antworten soll“, erzählt Yussef. In Bagdad arbeitete er als Manager bei einer Mobilfunkfirma und wohnte mit seiner Familie in einem großen Haus mit Garten. „Sie haben uns unser Leben weggenommen“, murmelt er tonlos vor sich hin. „Jetzt haben wir keine Zukunft mehr.“ Sein Blick wandert zur Straße. Ein voll bepackter Bus rauscht in Richtung Damaskus vorbei.

Rund 1,5 Millionen Iraker leben bereits in Syrien. Jeden Tag kommen 2000 mehr über die Grenze. Die meisten der Flüchtlinge finden keine Möglichkeit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen und versinken zusehends im Elend. Die riesige Masse der Iraker lastet mittlerweile schwer auf dem armen Land – Mieten und Lebensmittelpreise haben sich verdoppelt, Schulen und Krankenhäuser können den wachsenden Bedarf kaum noch bewältigen. „Syrien zeigt sich Flüchtlingen gegenüber allgemein sehr großzügig. Doch es gilt das Prinzip, keine Palästinenser einreisen zu lassen“, sagt Laurens Jolles, Leiter des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Damaskus.

Die Regierung fürchte, dass die Aufnahme einzelner den Zustrom aller 15 000 noch im Irak lebenden Palästinenser nach sich zöge – zumal sie nach wie vor keinen Staat haben, in den sie einmal zurückkehren können: „Nächstes Mal kommen vielleicht die Palästinenser aus dem Libanon, dann womöglich die aus Jordanien. Eine solche Volksbewegung ist Syriens Hauptsorge“, erklärt der UNHCR-Vertreter. Seine Organisation versorgt die Flüchtlinge in al Tanf zwar täglich mit Wasser, Nahrung und ärztlicher Betreuung. Dennoch bleibt ihre Situation prekär, betont Jolles: „Diese Lage in der Wüste ist absolut ungeeignet für ein Camp. Die Menschen können weder vor noch zurück. Aber es ist keinerlei Lösung in Sicht.“

Seit Dezember lässt Syrien nicht mehr zu, dass sich im Niemandsland weitere Menschen ansiedeln. Damit kann kein Palästinenser mehr den Irak verlassen. Weil die Todesangst sie aber weiter aus ihrer Heimat treibt, sammeln sie sich nun direkt vor der Grenze, im Lager al Walid. Dort leben mittlerweile rund tausend Palästinenser, sagt UNHCR-Sprecherin Sybella Wilkes. Die Zelte sind überfüllt, mit Schwerkranken und Verletzten zum Teil: „Wir kümmern uns um die Menschen, aber unter großen Schwierigkeiten. Aus Sicherheitsgründe haben wir nur beschränkten Zutritt.“ Drei Menschen sind dort schon an behandelbaren Krankheiten gestorben. Auch bewacht niemand das Lager. Und auf den Mobiltelefonen der Flüchtlinge gehen noch immer Todesdrohungen ein.

Die Hintermänner von Anschlägen können unterdessen anscheinend auf syrische Kontakte zählen. Die Sprecher von drei sunnitischen Gruppen haben nach Angaben des britischen „Guardian“ in Damaskus ein Interview gegeben.

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