Politik : Panne auf Panne

Vattenfall unter Druck: Kernkraftwerksbetreiber hat offenbar Zwischenfall verschweigen wollen

Dieter Hanisch[Kiel]

Der Energiekonzern Vattenfall steht immer mehr unter Druck: Eine Serie von Pannen und Störfällen in den Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel, dazu Bedienungsfehler des Personals sowie der Vorwurf des Missmanagements in der Öffentlichkeitsarbeit haben eine Debatte um die Zuverlässigkeit des Betreibers aufkommen lassen. Weitere Nahrung erhält die Kritik, weil von dem Energiekonzern erst nach fünf Tagen bekannt gegeben wurde, dass es beim Hochfahren des Reaktors in Brunsbüttel am 1. Juli zu unplanmäßigen Ereignissen gekommen ist.

Demnach hat es im Reaktorwasserreinigungssystem zwei automatische Schnellstopps gegeben, weil der Füllstand der Anlage nicht mit den herrschenden Druckverhältnissen korrespondierte. Diese Anpassung muss bei jedem Wiederanfahren des Meilers manuell vorgenommen werden, erläuterte Vattenfall-Sprecher Ivo Banek, der den Vorfall aber nicht dramatisieren wollte. Aus Sicht des Betreibers handelte es sich um einen meldepflichtigen Vorgang der untersten Kategorie, womit keinerlei Gefahren verbunden gewesen seien. So wird es auch auf der Internetseite des Unternehmens vermeldet, das dort nach der heftigen Kritik der vergangenen Tage mitteilt, künftig alle Störfälle zu veröffentlichen. Auffällig war dabei, dass die jüngste Mitteilung innerhalb einiger Stunden umdatiert wurde.

Das Kieler Sozialministerium, das die Atomaufsicht über die schleswig-holsteinischen Kernanlagen führt, reagierte verschnupft. Am 2. Juli, einen Tag, nachdem der Reaktor in Brunsbüttel nach der Schnellabschaltung vom 28. Juni wieder ans Netz gegangen war, hatte der stellvertretende Werksleiter die Nachfrage nach Besonderheiten durch die Kieler Aufsichtsbehörde noch verneint. „Unsere Experten sagen, dass man von einer automatischen Abschaltung unmittelbar Kenntnis vor Ort hat. Warum man uns dies auf Nachfrage nicht mitgeteilt hat, wirft neue Fragen auf“, so Ministeriumssprecher Oliver Breuer. An diesem Montag kommt es in Kiel ohne Ministerbeteiligung zu einem Gespräch zwischen dem Kieler Sozialministerium, Vertretern des Bundesumweltministeriums, Sachverständigen und Vattenfall. Die Vorgänge von Krümmel und Brunsbüttel sollen ebenso aufgearbeitet werden wie der Themenkomplex Netzzuverlässigkeit.

Die Grünen fordern, Vattenfall die Betreiberlizenz wegen Unzuverlässigkeit zu entziehen. Dazu bringt die Fraktion diese Woche einen Antrag in den Kieler Landtag ein. Wie Breuer sagte, hat Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) dazu bereits ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben. „Das geltende Recht setzt hier eine hohe Hürde“, so Breuer. Unterdessen ist das Kieler Ministerium bemüht, die nach dem Trafo-Brand vom 28. Juni in Krümmel gefundenen Dioxinspuren zu untersuchen. Fachleute sind beauftragt worden, Boden- und Vegetationsproben in der Umgebung zu nehmen. Von Vattenfall erwarte man ebenfalls die Vorlage entsprechender Untersuchungen vom Kraftwerksgelände, hieß es in Kiel.

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