Politik : Papier-Liebhaber

Sabine Heimgärtner

Für die Linken war es ein Zeichen von Bescheidenheit, für die Konservativen eine "herablassende Haltung gegenüber den Franzosen": Frankreichs sozialistischer Premierminister Lionel Jospin hat seine Bereitschaft zur Kandidatur für das Präsidentenamt in einem schlichten Fax an die Medien angekündigt. Damit blieb er seinem spröden Understatement-Stil treu. Der immer etwas blass wirkende 64-Jährige war während seiner fünfjährigen Amtszeit als Regierungschef kein Mann der spektakulären Worte und der strahlenden Auftritte. Ganz im Gegensatz zu seinem Gegenspieler, dem neogaullistischen Staatspräsidenten Jacques Chirac. Dieser hatte seine Kandidatur mit Glanz und Gloria in der südfranzösischen Stadt Avignon erklärt und sich bei der Rückkehr in Paris auf dem Bahnhof Gare de Lyon wie ein siegreicher Eroberer feiern lassen: Das Bad in der Menge, die im Wind flatternden Nationalflaggen, die Klänge der Marseillaise und die vielen Links- und Rechts-Küsschen verliehen dem Chirac-Auftritt das typische Flair.

Unterschiedlicher könnten zwei Wahlkampfgegner nicht sein. Jetzt, wo die Kampagne zwei Monate vor den Präsidentschaftswahlen ernsthaft begonnen hat, schlachten vor allem die Medien das ungleiche Image der beiden Hauptdarsteller aus. Jospin, der "Mann mit der sauberen Weste" - Chirac, der Mann, den zahlreiche Affären und Skandale belasten; Jospin, das "nüchterne Arbeitstier" - Chirac, der "Strahlemann" auf internationalem Parkett; Jospin, der "Mann ohne Sexappeal" - Chirac, der "Verführer". Kandidaten, die wie Jospin, der bereits 1995 gegen Chirac antrat und unterlag, ihren Wahlkampf nach dem Motto "Sacharbeit" führen, haben es bei den Franzosen schwer - ein Grund, warum der 69-jährige Chirac in der Wählergunst bislang an der Spitze steht.

Im Gegensatz zu Jospin hat Chirac keine Erfolgsbilanz vorzuweisen, sieht man von seinen diplomatisch geschickten internationalen Auftritten unmittelbar nach den September-Anschlägen ab. Chirac versteht es glänzend, Frankreich im Ausland als "Grande Nation" zu vertreten. Das schafft ihm viele Sympathiepunkte bei der Bevölkerung.

Jospin lernt laut Mediengerüchten derzeit im Schnellkurs, sein Image aufzumöbeln und sich besser zu verkaufen. Vorzuweisen hat er eine ansehnliche Bilanz nach fünfjähriger Regierungszeit, der längsten übrigens, die je ein französischer Regierungschef absolviert hat. Die Habenseite: Die Einführung der 35-Stunden-Woche sowie der Krankenversicherung für Erwerbslose, bessere Konjunkturdaten als die europäischen Partner und neue Impulse für die von Gewalt erschütterte Mittelmeerinsel Korsika. Die Sollseite: Die Reformen im Öffentlichen Dienst und die Finanzierung der Altersvorsorge hat Jospin nicht angefasst, und mit umstrittenen Reformen in der Justiz wurde das Ansteigen der Kriminalitätsrate um acht Prozent womöglich noch befördert. Diesen wunden Punkt in der Bilanz der Linksregierung Jospins hat Chirac geschickt ausgenutzt und das Thema innere Sicherheit gleich zum Wahlkampfthema Nummer eins erkoren.

Die Wahlkampagne dürfte schmutzig werden. Schon jetzt gehen beide Lager nicht freundlich miteinander um. Chirac-Freund Juppé warf den Sozialisten vor, einen "dreckigen Wahlkampf" vorzubereiten. Die Sozialisten freuen sich indes auf den 6. März: An diesem Tag erscheint das Buch des zurückgetretenen Richters Eric Halphen über die Schmiergeldaffären rund um die konservative RPR und ihren Hauptakteur Chirac.

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