Papst Franziskus seit 100 Tagen im Amt : Lob für den "bescheidenen Hirten"

Papst Franziskus ist seit 100 Tagen im Amt. In Lateinamerika kommt er vor allem wegen seines neuen Amtsverständnisses an - er sieht sich als Diener seiner Kirche.

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Erste Bilanz. Auch unter Menschen, die der Kirche nicht nahe stehen, hat Papst Franziskus Begeisterung ausgelöst.
Erste Bilanz. Auch unter Menschen, die der Kirche nicht nahe stehen, hat Papst Franziskus Begeisterung ausgelöst.Foto: dpa

100 Tage ist Papst Franziskus im Amt und Lateinamerika bereits um zwei Heilige reicher. Er hat Fußball im Vatikan etabliert, weiblichen Gefangenen die Füße gewaschen und den Weg frei gemacht für die Seligsprechung von Bischof Oscar Arnulfo Romero, der von rechten Todesschwadronen ermordet wurde. Er verzichtet auf Luxuskarossen, aufwändige Sicherheitsvorkehrungen und mischt sich gern unters Volk. Mit solchen Gesten hat Franziskus die Herzen der Latinos im Sturm erobert. „Vieles deutet darauf hin, dass Franziskus’ Pontifikat eine Mischung aus der Volksnähe von Johannes Paul II. und der Modernität von Johannes XXIII wird“, prophezeit der peruanische Kommentator Alvaro Vargas Llosa.

Zu den herausragenden Leistungen der ersten hundert Tage zählt sein argentinischer Biograph Armando Puente die Begeisterung, die Franziskus bei „Feiertagskatholiken und Kirchenfernen“ ausgelöst habe, und die neue, volksnahe Sprache, die sich bereits in den Predigten vieler Priester niederschlage. „Er ist ein Kommunikationstalent“, sagte Puente dem spanischen Portal „Religión en Libertad“, „und jeden Tag mit unzähligen Menschen in Kontakt, sei es persönlich, bei seinen Messen oder per Brief“. Für die Lateinamerikaner ist er ein „bescheidener Hirte und ein Papst zum Anfassen“ - und genau darin sieht der Erzbischof von La Paz, Edmundo Abastaflor, das bisher Wesentliche der Handschrift von Franziskus. „Er hat die Kirche vom Kopf auf die Füße gestellt, sieht sich als Diener, nicht als Amtsinhaber, und das ist eine ganz andere Logik, nämlich eine von unten nach oben.“ All der Luxus, der einer europäischen Tradition entspringe, ändere sich nun und mache einer ärmeren, horizontaleren und authentischeren Kirche Platz, prophezeit Abastaflor.

Eines hat Franziskus auf jeden Fall geschafft: nicht mehr die Kirchenskandale sind Thema Nummer eins in den Medien, sondern der frische Wind, den er in den Vatikan bringt. Doch die Probleme harren einer Lösung, und nicht alle sind gleichermaßen optimistisch, was den Reformeifer des neuen Papstes anbelangt. Immerhin wurde Franziskus verdächtigt, Befreiungstheologen der argentinischen Militärdiktatur ausgeliefert zu haben. Auch wenn die Vorwürfe nicht klar nachgewiesen wurden: Dass Franziskus damals keine heldenhafte Rolle spielte und in Moralfragen ebenso konservativ ist wie seine Vorgänger, steht für den mexikanischen Kirchenexperten Bernardo Barranco fest. Und dass er ausgerechnet den honduranischen Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga zum Vorsitzenden der Reformkommission ernannt hat, stimmt manche skeptisch. Maradiaga hat 2009 nicht nur den Putsch in seinem Heimatland unterstützt, sondern auch eine „jüdische Lobby“ für das „mediale Aufbauschen der kirchlichen Missbrauchsskandale“ verantwortlich gemacht. „Drei der Kardinäle der Reformkommission sollen Kinderschänder gedeckt haben“, kritisiert der Kirchenwissenschaftler Daniel Alvarez von der Internationalen Universität von Florida.

„Der Papst hat klare Zeichen gesetzt, dass er die Kirche von innen heraus verändern will“, meint hingegen der Herausgeber der chilenischen Kirchenzeitschrift Reflexión y Liberación, Jaime Escobar. In der Reformkommission säßen deshalb Kardinäle aus der ganzen Welt, darunter zwei aus Lateinamerika. Doch letztlich gehe es um viel mehr als nationale Quoten, meint der mexikanische Pfarrer und Leiter der Basisgemeinden, Jose Sánchez. Nämlich um Dezentralisierung – und die gehe einher mit Machtverlust in Rom. Daher hofft Sánchez auch auf einen neuen Frühling für die Laien und die Basisgemeinden, die von den Vorgängern von Franziskus an der kurzen Leine gehalten wurden. Zwar fehlten bislang konkrete Maßnahmen; dass aber Franziskus’ erste Auslandsreise zum Weltjugendtag nach Brasilien führt – der Hochburg der linken Befreiungstheologie –, sieht Sánchez als Zeichen der Hoffnung. Er wird deshalb genau lauschen, was der Papst dort zu sagen hat.

 

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