Paris : Erschütterter Glaube

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Die Krise? Welche Krise? Wer in Paris unterwegs ist, mag sich die Augen reiben. Von einer Krise ist nichts zu sehen. Auf den Zubringerautobahnen von und zu den Flughäfen kommt der Verkehr zum Stehen, die Metro ist zu Stoßzeiten wie eh und je überfüllt. Die Franzosen sind aus den Ferienorten am Mittelmeer und am Atlantik zurückgekehrt, die Touristen noch nicht wieder nach Haus gereist. Die Stadt quillt über von Besuchern. Auf ihren Boulevards gibt sich die Welt ein Stelldichein. Hoteliers und Restaurants melden volle Häuser. In den Auslagen der Geschäfte zieht die Mode für den Herbst und den kommenden Winter die Blicke an. In den Luxusboutiquen klingeln die Kassen.

Die Krise? Monsieur Robert runzelt die Stirn. „Sie brauchen sich nur umzuschauen“, sagt der Zeitungshändler. Neben seinem kleinen Laden, in dem er jeden Tag von sieben Uhr morgens bis acht Uhr abends Zeitungen, Zeitschriften, Taschenbücher und Ansichtskarten verkauft, hat ein neues Geschäft aufgemacht. Früher wurden darin Gläser, Vasen, Kerzenständer und anderes zur Dekoration kleinbürgerlicher Wohnungen angeboten, nichts Besonderes. Dann kam ein Räumungsverkauf, Handwerker folgten, und nun hat ein Schnellimbiss darin aufgemacht, Salate in Frischhaltebechern, belegte Weißbrote, Mineralwasser in Plastikflaschen, keine Große Küche. „Gegessen wird immer“, sagt Monsieur Robert, „aber Zeitungen werden immer weniger gelesen.“ Als er vor zwölf Jahren anfing, verkaufte er zweimal so viele Exemplare der bekannten Pariser Blätter wie heute.

Es ist eine schleichende Krise. Sie springt nicht ins Auge. Aber sie schürt ernste Befürchtungen. „Frankreich, der kranke Mann Europas?“ fragte „Le Monde“ kürzlich. Wer sich ein Bild von ihrem Ausmaß machen will, muss in die Buchhandlungen gehen und nach einer der dort ausliegenden Neuerscheinungen greifen, die den drohenden „Zusammenbruch“ des Landes ankündigen: „Der Tag, an dem Frankreich pleitegeht“ zum Beispiel oder „Warum Frankreich pleitegehen wird“. Doch in die Bestseller-Listen hat es trotz solcher reißerischen Titel bisher keines dieser Bücher geschafft. Liegt es an der schwierigen Materie, den trockenen Zahlentabellen oder den abstrakten Theorien, mit denen die Autoren ihre apokalyptische These vertreten? „Frankreich lebt in einer ökonomischen Blase“, meint der frühere Präsident der Großbank Crédit Lyonnais, Jean Peyrelevade, Verfasser eines dieser alarmierenden Bücher. „Es glaubt nicht, dass sie jemals platzen wird, und wenn doch, hofft es, dass es dank seines Genius und der Größe seiner Geschichte den Schwierigkeiten entkommt.“

Doch dieser Glaube, dass Frankreich um schmerzhafte Einschnitte, wie sie andere Länder verkraften müssen, herumkommt, ist erschüttert. Als der Autokonzern Peugeot nach der Präsidentenwahl die Schließung seines Werks in Aulnay bei Paris bekanntgab, wurden die abstrakten Zahlen über Staatsschuld, gähnendes Außenhandelsdefizit, schwindende Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und gestiegene Arbeitslosigkeit, mit denen bisher allenfalls Politiker, Wirtschaftsexperten, Gewerkschafter oder Unternehmer etwas anfangen konnten, auch für das breite Publikum konkret fassbar. Die Proteste der betroffenen Beschäftigten, die in den abendlichen Fernsehnachrichten ihrem Zorn Luft machten, schreckten die Franzosen auf. Präsident François Hollande, der im Wahlkampf das Wort „Krise“ nicht in den Mund nahm, gab erstmals zu: „Wir befinden uns in einer außergewöhnlichen Krise.“

Allmählich, aber merklich tragen die Franzosen in ihren Konsumgewohnheiten der Lage Rechnung. Nach einer Untersuchung der Werbeagentur Publicis schränken sich selbst Haushalte mit mittleren Einkommen spürbar ein. Gespart würde an alle Ecken. Man gehe weniger ins Restaurant, Kinobesuche würden eingeschränkt, Ausgaben für Frisör und Kosmetik reduziert, Kleiderkäufe auf Ausverkäufe verschoben. Ausnahmen gebe es bei den Aufwendungen für Kinder.

War es bisher in Frankreich verpönt, überhaupt von „Austerität“ zu sprechen – selbst Hollandes Vorgänger Nicolas Sarkozy vermied tunlichst diesen Begriff –, so bekennt sich die Regierung jetzt durch ihr Handeln zu einer solchen Politik. Drastische Opfer zur Überwindung der Krise werden den Franzosen mit dem Budget für 2013 aufgebürdet. Das Überraschende dabei ist: Zwei Drittel der Befragten sind laut einer Erhebung des Instituts Ifop bereit, dazu beizutragen.

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