• Parteitag der US-Demokraten: Braver Streber und Saubermann - Al Gore wollte immer nur das eine: Politiker werden

Politik : Parteitag der US-Demokraten: Braver Streber und Saubermann - Al Gore wollte immer nur das eine: Politiker werden

Robert von Rimscha

Als er 1992 erfuhr, dass Bill Clinton ihn zum Vizepräsidenten ausersehen hatte, warf er sich spontan auf den Boden und stemmte 20 Liegestützen. Am heutigen Donnerstagabend muss er einen Hochsprung vor 4000 Delegierten und Millionen Fernsehzuschauern vollführen. Ein Ja zu Clintons wirtschaftlichen Erfolgen, ein Nein zu den Skandalen des Mannes aus Arkansas, Linkspopulismus für die Stammwähler, viel amerikanischer Traum für die Mitte - das ist die Latte, die er überspringen muss, wenn er die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten seiner Partei annimmt.

Allzeit bereit, der brave Streber, der Saubermann. Die Kolumnistin Maureen Dowd hat ihn als einen Menschen beschrieben, der als Schüler seine Lehrer stets darum gebeten habe, ihm noch mehr Hausaufgaben zu erteilen. Die Presse mag ihn nicht, die Bevölkerung auch nicht. Ach Al. Er hat es nicht leicht. Als Sohn des gleichnamigen Senators aus Tennessee wurde er am 31. März 1948 geboren. Er wuchs in Hotels und Privatschulen in Washington auf und verbrachte die Sommer in dem kleinen Ort in Tennessee, der ihn als seinen berühmtesten Sohn führt: Carthage. Im Mai 1969 hatte er das College (Harvard) abgeschlossen.

Als Heeres-Journalist ging er nach Vietnam. Dann folgten sieben Jahre als Zeitungs-Reporter in Nashville. Nebenher studierte er zunächst Religionswissenschaften, dann Jura. Al Gore trat anschließend erwartungsgemäß in die Fußstapfen seines Vaters und wurde erst Abgeordneter, dann Senator. Sein Präsidentschaftswahlkampf von 1988 scheiterte kläglich. 1992 zog er als Bill Clintons Partner dennoch ins Weiße Haus. Seit 30 Jahren ist er mit seiner Ex-Kommilitonin Tipper verheiratet. Das Paar hat drei Töchter und einen Sohn.

Als Abgeordneter und Senator war er relativ blass. Er stand für den zentristisch-moderaten Flügel der "Neuen Demokraten" aus den Südstaaten, die den Links-Idealismus der neuenglischen Liberalen ablehnten. So war Gore einer der wenigen Demokraten, die für den Golfkrieg stimmten.

Dass er nicht nur aus einer Politik-Dynastie stammt, sondern sogar den Namen des Vaters trägt, das teilt er mit seinem Konkurrenten George Bush. Sonst verbindet die beiden Kandidaten wenig. Al Gore ist kein Delegierer wie Bush, er ist jemand, der sich in Sachprobleme hineingräbt und am liebsten alles selbst kontrolliert. Er hat wenige Berater in festen Strukturen, nicht endlos viele Ratgeber in spontanem Austausch wie Bill Clinton.

Auf Lebenskrisen wie einen beinahe tödlichen Autounfall seines Jungen hat Al Gore stets reagiert, indem er neue Wissensgebiete verschlungen hat. So kam er zu seinem phänomenalen Wissen über Naturwissenschaften, Psychologie oder Technik. Oder er legte wieder einmal Zeugnis ab für seine besessene Disziplin. Um Kontakt zum Sohn zu halten, rannte er mit diesem einen Berg hinauf. Er gilt nicht nur als der aktivste und einflussreichste Vizepräsident der US-Geschichte, sondern auch als der gesündeste. Al Gore hat keine Laster, er hat täglich Fitnessprogramme zu bewältigen. Was ihm dabei verloren ging, ist menschliche Fehlbarkeit und jener Instinkt aus dem Bauch, über den der Aufsteiger und Self-Made-Man Bill Clinton so reichlich verfügt. Dafür gilt Gore als jemand, dem die moralischen Untiefen Clintons unbekannt sind. Gores Fluch: Die Republikaner werfen ihm alle Clinton-Skandale um den Hals. "Werden wir jemals Gore sehen können, ohne an Clinton zu denken?", hat Dick Cheney, Bushs Anwärter für das Vize-Amt, beim Republikaner-Parteitag gefragt. Heute Abend wird Al Gore antworten.

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