Politik : PDS: Junge, erwerbstätige Sozialisten dringend gesucht

Markus Feldenkirchen

Zu Beginn streikte der Overhead-Projektor, als wolle er sich weigern, die heiklen Ergebnisse der PDS-Mitgliederbefragung mit dem schönen Titel "Die Mitgliedschaft, der große Lümmel" an die Wand zu werfen. Denn der "Lümmel" ist stark geschrumpft und deutlich in die Jahre gekommen. Die PDS hat in den vergangenen zwei Jahren 10 000 Mitglieder verloren. Heute sind es nur noch 84 000. Nach den Worten der PDS-Vorsitzenden Gabi Zimmer droht der Partei dadurch "ein Verlust an breiter politischer Handlungsfähigkeit". Grund für den Verlust der Basis sind nicht etwa Austritte, sondern Todesfälle. Die PDS hat die ältesten Mitglieder aller Parteien. Zimmer, die das Problem der Vergreisung erkannt hat, findet deshalb, dass der Mitgliederschwund nicht nur ein Risiko, sondern auch eine Chance sei.

Ein Faktum ist, dass die Partei 3500 neue Mitglieder pro Jahr bräuchte, um die Mitgliederzahl konstant zu halten. Zur Zeit treten jährlich aber nur 2500 Neu-Sozialisten ein. "Wenn man die Entwicklung bis zum Jahr 2012 hochrechnet, kann man schon ins Grübeln kommen", warnte Michael Chrapa, der die Befragung von 2300 PDSlern gemeinsam mit Dietmar Wittich zu einer Studie verarbeitet hat. "Die PDS braucht dringend junge Mitglieder, die erwerbstätig sind und mitten im Leben stehen", sagte Zimmer. In der Tat sind gerade mal 30 Prozent der Ost-Mitglieder berufstätig.

Etwas bemüht versuchten Zimmer und Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch, die positiven Seiten der Studie ins Licht zu rücken: Dass die PDS im Osten vor allen Parteien immer noch die meisten Mitglieder hat. Dass immerhin ein Viertel der Mitglieder Studenten, Schüler und Auszubildende sind. Ferner sei zu erwarten, dass die Zahl der Mitglieder im Westen in diesem Jahr von derzeit 4000 auf 5000 steigen werde. Gerade der Ost-West-Vergleich lässt jedoch Zweifel aufkommen, ob die Sozialisten jemals zu einer homogenen bundesweiten Partei werden. So halten es 41 Prozent der West-Mitglieder für wichtig, dass sich die Partei für die Probleme von Migranten engagiert, im Osten dagegen nur 12 Prozent. Auf die Frage, ob die Zukunft der PDS im Westen liege, antworteten 60 Prozent der West-Genossen mit Ja, im Osten lediglich 30 Prozent. Laut Studie stellt die Beziehung zwischen PDS-Mitgliedern in Ost und West "unbestritten eines der kompliziertesten Probleme der Parteientwicklung" dar. Auch in der Frage einer stärkeren Zusammenarbeit mit der SPD sind die Mitglieder in Ost und West unterschiedlicher Auffassung. So wünschen sich mehr als die Hälfte im Osten eine stärkere Kooperation mit den Sozialdemokraten, im Westen dagegen nur ein Viertel. Doch verglichen mit dem starken Mitgliederverlust sind die Ost-West-Differenzen eher sekundär. Wittich warb übrigens mit einem eher ungewöhnlichen Argument für den PDS-Eintritt. Frauen und Männer, die der PDS angehören, hätten statistisch gesehen eine deutlich höhere Lebenserwartung als andere. "Eine PDS-Mitgliedschaft lohnt sich also auch gesundheitlich."

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