Politik : Per Video

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Mein Vater war zur Zeit der Wende in Äthiopien Pfarrer der deutschen Gemeinde in Addis Abeba. Genau genommen: der westdeutschen Gemeinde. Sicher kannten wir auch DDRBürger vom Sehen. Aber wir grüßten sie nie – aus Rücksicht auf die Konsequenzen, die der Gruß eines vermeintlichen Regimefeindes für die stets Beschatteten haben würde. Im Oktober 1989 kam dann eine unbekannte deutsche Familie zum Gottesdienst. Wo sie denn herkämen, fragte mein Vater. „Aus der DDR!“ lautete die Antwort. Die Familie Krüger war die erste, die es wagte, mit uns Kontakt aufzunehmen. Dann kamen immer mehr, parkten zunächst einen Block weiter, später fuhren sie auf unser Grundstück. Auch unsere Beschatter sahen das Kontaktverbot plötzlich nicht mehr ganz so eng. Eines Tages traf mein Vater am Flughafen eine Gruppe weißer Männer, die ihn mit „Guten Tag Herr Frey!“ freundlich grüßten. Mein Vater grüßte zurück, bemerkte aber, dass er die Herren nicht kenne. „Aber wir kennen Sie!“ tönte es mit sächsischem Akzent zurück. Dann kam der Mauerfall und mit ihm die überstürzte Abreise vieler DDR-Experten, die um ihren Arbeitsplatz zu Hause bangten. Die Neuigkeiten konnten wir nur über Rundfunkmeldungen verfolgen. Als bei einem Gemeindeabend die ersten Bilder des Mauerfalls auf Video gezeigt wurden, weinten viele, aus Ost und West. Fotos: privat, Doris Klaas

Constance Frey ist heute freie Journalistin und lebt in Berlin

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