Politik : Perfekt muss es sein

Von Tissy Bruns

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Deutschland bewegt sich nur unwillig? Nicht, wenn es um die Kinder geht. Bis vor kurzem hieß es noch: Vorsicht vor der voll berufstätigen Mutter, bloß nicht in die Kinderkrippe, in die Schule erst mit sieben. Jetzt gerät das kleine Kind ins Visier. Die frühkindliche Betreuung ist in Windeseile zum großkoalitionären Konsens geworden. Mit harter Doppelbegründung: Wir brauchen die Frauen im Arbeitsprozess, und nur Frauen, die um ihre Arbeitsplätze nicht fürchten müssen, kriegen überhaupt noch Kinder. Die systematische Förderung der Kleinsten beschäftigt die Kultusministerkonferenz, mit Mehrfachbegründung: Pisa, die Zukunft der Wissensgesellschaft, der Kampf um die klügsten Köpfe.

Alles richtig. Alles überfällig. Ja, es müsste dringend realisiert werden, was in den Papieren der Bildungspolitiker steht und in guten Absichtserklärungen von Familienministerin und Unternehmen verkündet wird, die eine „Allianz für die Familie“ schmieden wollen. Verlässliche Betreuungsangebote. Englisch im Kindergarten. Computer in der Grundschule. Doch, mit Verlaub: Wer auf eine solide Karriere als deutsche Rabenmutter zurückblicken kann, wird Mitleid bekommen mit den künftigen Eltern und Kindern. Der schnelle Paradigmenwechsel von der Verklärung der behüteten Kindheit zum pädagogischen Effizienzdenken wird nämlich von einer Konstante begleitet: Das ist der ausgeprägte Hang zur Übertreibung, wenn es um die Kinder geht.

Tatsächlich hat sich ein merkwürdiger, ja bedenklicher Ton in die Debatten geschlichen: Der ökonomische Nutzen spielt eine Rolle, die ihm nicht zukommt. Natürlich hatten Kinder immer einen volkswirtschaftlichen Zweck. Sie garantierten die Generationenfolge, ob nun als direkte Versorger ihrer alten Eltern oder vermittelt über soziale Sicherungssysteme. Solange es genug Nachwuchs gab, war das keiner Rede wert – ausgenommen die Ideologen, die Kinder und Kinderreichtum gern zum Zwecke militärischer oder völkischer Stärke instrumentalisiert haben.

Deutschland hat davon mehr als genug erlebt. Und folglich waren es die Eltern aus der Babyboomer-Generation, die aus der neuen Freiheit, nur noch Wunschkinder in die Welt setzen zu können, das Beste machen wollten. Ob Rabenmütter, neue Väter, Hausfrauen oder traditionelle Ernährer, für die Erziehung hat sich das Motto durchgesetzt: Vom Kinde aus – glücklich soll es sein. Das hat Schattenseiten. Ein mattherziges Leistungsverständnis zum Beispiel, oder die Frage, ob aus allzu glücklichen Kindern nicht lauter Ich-schwache Erwachsene werden.

Aber wirklich beschäftigt sind wir nur mit einer Erkenntnis. Seit die freie Entscheidung zum Kind möglich ist, werden zu wenige geboren. Der Generationenvertrag, Arbeitskräftemangel, zu wenig kluge Köpfe, zu viele Kinderlose – der Schrecken ist beträchtlich, der Drang zur Ersatzhandlung gewaltig. Und laut tönt der Ruf: Wir brauchen das perfekte Kind!

Doch es wäre nicht nur fragwürdig, mit Kindergärten und Frühförderungsprogrammen aus den wenigen Kindern ein volkswirtschaftliches Optimum herausholen zu wollen. Es wäre eine ganz und gar vergebliche Jagd auf höhere Geburtenraten. Das Kind selbst muss Ziel und Zweck gesellschaftlicher Erziehungsanstrengungen sein. Und wenn junge Erwachsene daran wirklich glauben können, dann, vielleicht, gibt es in Deutschland wieder mehr Mut zu Kindern.

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