• Personaldebatten statt Totalitarismusforschung - Anlass ist ein umstrittener Artikel zum Hitler-Attentat

Politik : Personaldebatten statt Totalitarismusforschung - Anlass ist ein umstrittener Artikel zum Hitler-Attentat

Ralf Hübner

Im Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung hängt der Haussegen schief. Der Direktor will seinen Stellvertreter loswerden, Wissenschaftlicher Beirat und Kuratorium sind sich uneins, unter den Mitarbeitern herrscht Misstrauen. Anlass ist der Beitrag eines Mitarbeiters, des Philosophen Lothar Fritze, in der "Frankfurter Rundschau". Darin hatte Fritze die Tat des Hitler-Attentäters Georg Elser vor 60 Jahren im Münchner Bürgerbräukeller kritisch hinterfragt und war zu dem Ergebnis gekommen, dass dessen Vorgehen nicht zu rechtfertigen sei. Zwar spricht Fritze von einer "zweifellos couragierten Tat", macht aber geltend, dass Elser bei dem gescheiterteten Attentatsversuch den Tod Unbeteiligter billigend in Kauf genommen habe. Die Auffassung ist umstritten. Im Arendt-Institut hat das zur Frage nach personellen Konsequenzen geführt.

Zur Disposition steht aber nicht Fritze, sondern der stellvertretende Institutsdirektor Uwe Backes. Der Direktor des Instituts, Klaus-Dietmar Henke, hatte sich nach Erscheinen des Beitrages am 8. November, dem 60. Jahrestag des Attentatsversuches, in einer Presseerklärung von Fritze distanziert und dessen Abhandlung eine "zeithistorisch wie moralphilosophisch gänzlich unhaltbare und unakzeptable Sicht" genannt. Dem Vernehmen nach wollte Henke Schaden vom Institut wenden, zumal die Thesen Fritzes aus dessen Einführungsvortrag als Privatdozent an der TU Chemnitz entstammen und dessen Arbeit am Institut nur indirekt berühren. Nun wird der Verlust von Drittmitteln und Forschungsaufträgen, wie beispielsweise die Arbeit zur Erforschung der NS-Vergangenheit der Dresdner Bank, befürchtet. Auch einen Rückzug des renommierten Historikers Saul Friedländer aus dem Wissenschaftlichen Beirat hält Henke für denkbar. Backes hingegen sieht in dieser Argumentation den Ansatz zur Selbstzensur und stellt die Frage nach der Wissenschaftsfreiheit. Er wirft Henke vor, sich nicht schützend vor seinen Mitarbeiter gestellt zu haben. Den Beitrag Fritzes will Backes in dem von ihm und dem Chemnitzer Professor Eckhard Jesse herausgegebenen "Jahrbuch für Extremismus & Demokratie" erscheinen lassen.

Der Streit eskaliert. Fritze gibt sich von der Entwicklung überrascht. Zwar bestätigt er Bedenken Henkes gegen die Veröffentlichung des Beitrags, andererseits habe Henke sich mit Forumlierungsvorschlägen an der Überarbeitung des Textes beteiligt. Nun aber seien in einer Zeitung plötzlich Passagen einer frühen Fassung aufgetaucht, und er frage sich, wer diesen unautorisierten Text in die Öffentlichkeit lanciert habe. Böse Worte fallen. Die Rede ist von Rechtsrevisionismus, Backes will gar den Vorwurf gehört haben, er verharmlose die Judenverfolgung in der NS-Zeit, was Henke bestreitet. Beide Seiten sammeln ihre Bataillone.

Der Wissenschaftliche Beirat kommt in einer Abstimmung mehrheitlich zu dem Ergebnis, dass die Arbeit Fritzes "in Anlage und Durchführung verfehlt" sei. Auf Vorschlag des Historikers Hans Günter Hockerts aus München wird die Entlassung von Backes empfohlen. Ein großer Teil der Institutsmitarbeiter stellt sich hinter den Beschluss des Beirats. Backes spricht von einem Tribunal. Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutzes, Peter Frisch, verwendet sich in einem Brief an die Kuratoriumsmitglieder für Backes und nennt ihn einen "Garant für den Bestand unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung". Henke fühlt sich von einem Telefonanruf Frischs unter Druck gesetzt. Das Kuratorium schließlich, in dem Sachsens Kultusminister Matthias Rößler (CDU) den Vorsitz hat, lehnt die Entlassung Backes ab und fordert "eine nichtrechtliche Lösung" des Konflikts.

Wie die aussehen könnte, ist angesichts der Gräben schwer vorstellbar. Clemens Vollnhals, ein weiterer Stellvertreter Henkes, fordert, die Vorgänge um Backes und Fritze getrennt zu betrachten. Bei Backes seien Leitungsfragen zu kritisieren, Fritze habe in dem Verfahren nur den Aufhänger geliefert. Allerdings drängt sich der Verdacht auf, dass bei dem Streit um eine Grundorientierung in der Forschungsarbeit des Insituts geht, für die Namen Henke und Backes stehen. Das Institut, das den Namen der deutsch-jüdischen Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt trägt, hat es sich zur Aufgebe gemacht, politische und gesellschaftliche Strukturen von NS-Diktatur und SED-Regime zu analysieren und zu vergleichen. Das junge Institut, das 1993 seine Arbeit aufnahm, kann auf eine Reihe bemerkenswerter Leistungen verweisen. Durch den Streit ist Schaden entstanden. Der Dramatiker Rolf Hochhuth nennt die Ausarbeitung Fritzes ein Elaborat. Hannah Arendt würde sich im Grabe umdrehen. Aber sie sei diskussionsfreudig gewesen, und da müsse es Fritze natürlich erlaubt sein, so etwas zu sagen.

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