Pharmazie : Positiv, negativ, konspirativ

Nach dem Streit um das Kölner Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen und der Ablösung seines pharmakritischen Leiters verlangen Opposition und Bundesärztekammer besseren Einblick in die Ergebnisse von Arzneistudien.

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Berlin - SPD und Grüne forderten eine Veröffentlichungspflicht. Nur auf dieser Grundlage sei eine seriöse Kosten-Nutzen-Bewertung möglich, sagte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dem Tagesspiegel. Nach seiner Schätzung werden in Deutschland zwar fast alle Studien mit positivem Ergebnis veröffentlicht, bei Negativstudien sei es aber „höchstens ein Drittel“. Die Union äußerte sich wohlwollend. Dies sei „ein Vorschlag, den wir noch in diesem Jahr offen und konstruktiv prüfen sollten“, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn (CDU), dem Tagesspiegel. Allerdings sei der Sache wenig gedient, wenn Pharmafirmen ihre Arzneistudien dann ins Ausland verlegten.

Auch das FDP-geführte Gesundheitsministerium findet es problematisch, dass positive Studien häufiger und früher veröffentlicht werden. Dies führe „zu einer verzerrten Bewertung von diagnostischen und medizinisch-therapeutischen Verfahren“, sagte Staatssekretär Daniel Bahr auf eine Anfrage der Linkspartei. Allerdings sei auf ein „Gleichgewicht zwischen der Vertraulichkeit der Daten und der Informationspflicht gegenüber der Öffentlichkeit“ zu achten. Die Bundesregierung werde sich in der EU für die Veröffentlichung bestimmter Studien einsetzen. Das ist nicht nur der Opposition zu wenig. Spätestens zwölf Monate nach ihrem Abschluss müsse jede Studie zumindest in kurzer Zusammenfassung in einem öffentlich zugänglichen Register zu finden sein, fordert der Vorsitzende der Arzneikommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig. „Wenn negative Ergebnisse in den Schubladen verschwinden, profitiert nur die Industrie von den Studien“, sagte Ludwig dem Tagesspiegel. „Ich finde das unethisch.“ In Sachen Transparenz sollte man sich ein Beispiel an den USA nehmen, forderte er.

Zur korrekten Bewertung brauche es alle vorhandenen Studien, meint auch Grünen-Expertin Biggi Bender. Was im anderen Fall herauskommen kann, zeigte sich erst im vergangenen Jahr. Nur unter Rückgriff auf bislang unveröffentlichte Studien konnten IQWiG-Prüfer belegen, dass ein gängiger Wirkstoff zur Behandlung von Depressionen keinen nachweisbaren Nutzen hat. Das Medikament Edronax der Firma Pfizer war seit zwölf Jahren auf dem Markt. Von 17 Studien dazu waren nur sieben veröffentlicht worden, die das Mittel positiv bewerteten.

Solche Beispiele ließen sich jedes Jahr finden, sagte Ludwig. Die Politik müsse der Pharmaindustrie hier klare Vorgaben machen, und auch über Sanktionsmöglichkeiten müsse man nachdenken. Nachdem alle klinischen Studien bei Ethikkommissionen beantragt werden müssen, könne man die Genehmigung dort gleich mit der Veröffentlichungspflicht verbinden, schlug Lauterbach vor.

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