Philip Murphy, US-Botschafter : "Berlin ist noch lange sexy, nur nicht ewig arm"

US-Botschafter Philip Murphy über Obamas Reformen, den Afghanistan-Einsatz sowie seine Liebe zu Deutschland und zum Fußball

319580_0_52913f1c.jpg
Philip D. Murpy, 52, ist seit August 2009 US-Botschafter in Berlin. Der ehemalige Goldman-Sachs-Banker half zuletzt als Finanzchef...

Herr Murphy, die Demokraten haben den durch Ted Kennedys Tod frei gewordenen Senatssitz in Massachusetts verloren, die Hochburg der Partei. Eine Tragödie?



Es ist in der Dramatik kaum zu überschätzen. Ob es eine Tragödie ist, hängt von der jeweiligen Perspektive ab.

Worum ging es bei der Entscheidung?

Vor allem um die Wirtschaft, um Jobs. Diese Botschaft der Wähler ist deutlich. Allerdings kümmert sich die Regierung bereits intensiv um das Thema. Doch klar ist: Dieses Engagement wird in den kommenden Monaten noch zunehmen.

Warum haben die Demokraten trotz Obamas Unterstützung verloren?

Der Wahlkampf der demokratischen Kandidatin war nicht überzeugend. Dagegen hat ihr Gegner eine brillante Kampagne gefahren. Die Demokraten haben nicht deutlich genug gemacht, was schon erreicht wurde. Dafür kann Obama nichts. Und es gibt zwei Dinge, die schwer zu kommunizieren sind, selbst für den besten Redner der Welt. Erstens die Frage, wie schlecht es der Wirtschaft in der Krise tatsächlich ging, wie sie sich entwickelt hätte, wenn wir nicht entschieden mit einem Konjunkturpaket gegengesteuert hätten. Und wir erleben wohl gerade eine wirtschaftliche Erholung, aber es braucht rund sechs Monate, bevor sich das auf die Arbeitslosenzahlen auswirkt.

Was bedeutet der Verlust der Mehrheit im US-Senat für die Gesundheitsreform?

Es wird schwieriger, die Reform voranzutreiben. Ähnliches gilt für die Umweltgesetze. So gab es beim Emissionshandel erste parteiübergreifende Gespräche, die vielversprechend waren. Im Juni hat das Repräsentantenhaus ein historisches Klimagesetz verabschiedet. Nun ist offen, wie das im Senat weitergeht.

Wird das internationale Engagement Obamas schwächer, weil er sich stärker um die Innenpolitik kümmern muss?

Auch wenn es schwer ist, die Folgen für die Klimapolitik vorauszusagen: Ich bleibe optimistisch. Der Präsident weiß, wie wichtig Umweltgesetze sind, mit denen wir am Ende ein verbindliches Klimaabkommen unterschreiben können, für das auch Kanzlerin Merkel wirbt.

Wie ist das Verhältnis von Angela Merkel und Barack Obama?

Sie kommen außerordentlich gut miteinander aus.

Ist das PR-Desaster um Opel nach Merkels Rede vor dem US-Kongress abgehakt?

Ich war dabei, als Merkel erfahren hat, dass GM Opel doch nicht verkaufen will. Sie war verständlicherweise sehr verärgert. Das Timing war schrecklich. Aber keiner wusste, dass die Entscheidung in dem Moment kommen würde. Auch Obama nicht. Aber sie hat sich schnell auf die Folgen konzentriert: die Bedeutung für Jobs und Werke in Deutschland.

Ihr Vorgänger hat das deutsch-amerikanische Verhältnis mit dem eines Teenagers zu seinen Eltern verglichen, das immer schwierig sei. Er bezog sich auf die Bereitschaft, Kriege zu führen. Sind wir da weiter?

Ich habe großen Respekt vor William Timken, aber ich würde diesen Vergleich nicht ziehen. Für mich ist es das bedeutendste Verhältnis, das wir in den vergangenen 60 Jahren hatten. Und es bleibt eines der wichtigsten, auch wenn es abstrakter geworden ist. In Berlin sehen Sie keine Mauer mehr, keine sowjetischen Truppen, keine 400 000 US-Soldaten und deren Familien. Damals ging es in unserem Verhältnis nur um Deutschland und die USA. Die heutigen Themen sind von weltweiter Bedeutung. Beide Länder haben eine unterschiedliche Vergangenheit, weswegen sie anders über den Einsatz von Waffen denken. Allerdings ist auch richtig, dass Deutschland einer der wichtigsten Akteure in Afghanistan ist.

Der Oberbefehlshaber der internationalen Afghanistan-Schutztruppe Isaf, US-General Stanley McChrystal, hat die Zurückhaltung der Deutschen beklagt.

Ich werde mir bald selbst ein Bild von der Lage in Afghanistan machen. Die Deutschen spielen eine wichtige Rolle. Die Diskussion, was sie zusätzlich leisten können, ist gut. Deutschland war früh in Afghanistan dabei, ohne langes Zögern und trotz seiner Geschichte. Nun brauchen wir Hilfe. Die Afghanistankonferenz nächste Woche ist daher sehr wichtig.

Was versprechen Sie sich davon?

Wir müssen Afghanistan stabilisieren und brauchen Kriterien, um den Erfolg zu messen. Die Ausbildung von Polizei, Militär und zivilen Kräften ist enorm wichtig. Deutschland wird hierbei einer unserer wichtigsten Partner bleiben. Wie genau der deutsche Beitrag aussehen wird, weiß aber noch niemand.

Sind wir zu ängstlich?

McChrystal wollte wohl sagen, dass wir alle mehr Risiken eingehen müssen, um erfolgreich zu sein. Man kann nicht nur Polizisten ausbilden, sondern muss auf die Straße, unter die Menschen. Auch in gefährlichen Gegenden. Ich glaube nicht, dass er meint: Wir machen es, ihr nicht.

Würden Sie Barack Obama eigentlich einen Freund nennen?

Ein Freund ist für mich jemand, den ich sehr lange und sehr gut kenne. Im weiteren Sinn würde ich Obama als Freund bezeichnen. Ich bin aber vor allem beeindruckt von ihm und auch von Außenministerin Clinton, den beiden Personen, für die ich direkt arbeite. Ich kenne sie schon lange, sie sind charmant, fleißig und halten sich an Fakten. Das ist wohl ein Grund, warum die Kanzlerin mit ihnen so gut auskommt: So unterschiedlich sie wirken, alle drei orientieren sich an den Fakten und lassen sich bei Entscheidungen nicht von Bauchgefühlen leiten.

Was verbindet Sie selbst mit Deutschland?

Wir waren ja bereits in den 90er Jahren in Frankfurt. Diese Zeit haben wir genossen, damals noch ohne Kinder, und wir wollten immer zurückkommen – mit Kindern. Berlin stand ganz oben auf unserer Liste. Vor einigen Jahren haben wir versucht, hier etwas zu kaufen. Für uns war Berlin immer die aufstrebende Weltstadt, wie das New York der 70er. Arm, aber sexy, sagt Klaus Wowereit. Ich sage: Die Stadt wird noch lange sexy sein, nur nicht ewig arm. Aber wir reisen auch viel herum. Und: Wir lieben alle Fußball.

Haben Sie selbst gespielt?

Ein bisschen, nicht besonders. Aber ich war immer ein Fan. Als ich zum ersten Mal nach Deutschland kam, war Westdeutschland Weltmeister. Danach gewann das wiedervereinigte Deutschland die EM, und da fing es bei mir richtig an. Ich ging zurück, wir gründeten eine Familie, und alle unsere Kinder spielen heute Fußball. Später wurde ich beim amerikanischen Fußballverband aktiv und meine Frau und ich kauften eine Frauenmannschaft. Wir besitzen die amtierenden amerikanischen Meisterinnen, die New York/New Jersey Sky Blue.

Und was sagen Sie zu Hertha?

Hertha ist über den Berg. Das Spiel gegen Hannover war die Wende. Aber ich sollte vorsichtig sein, sagt mein Sohn, ich bin nicht nur Botschafter für Berlin, sondern auch für Bochum und Hannover.

Das Interview führten Elisabeth Binder, Stephan-Andreas Casdorff, Juliane Schäuble und Moritz Schuller.

GroKo, Neuwahlen oder Minderheitsregierung? Erfahren Sie, wie es weitergeht - jetzt gratis Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben