Politik : Philippinen: Gnade statt Tod

Moritz Kleine-Brockhoff

Fall 26 558 - die Philippinen gegen Joseph Ejercito Estrada: Der Expräsident ist angeklagt wegen "wirtschaftlicher Plünderung". Korruption wird auf den Philippinen zu Plünderung, wenn mehr als 2,1 Millionen Mark veruntreut werden. Estrada soll laut Anklageschrift 163 Millionen Mark eingesteckt haben. Er soll vier Geldquellen gehabt haben: Einnahmen aus einem verbotenen Glücksspiel, abgezweigte Tabaksteuern, die Sozialversicherungskasse und Schmiergelder von Geschäftsleuten. Bei einem Schuldspruch wird Estrada zum Tode verurteilt.

"Ich bin unschuldig", sagt "Erap", in dessen Leben es 63 Jahre bergauf und in den vergangenen zwölf Monaten steil bergab ging: Erst war er Filmstar und Frauenheld, dann Bürgermeister, Senator, Vizepräsident und Präsident - dann kamen Amtsenthebungsverfahren, sein Sturz als Staatsoberhaupt, schließlich Anklage und Verhaftung.

Dass er unschuldig ist, glaubt im Land praktisch niemand. Millionen Filipinos hörten während des Amtsenthebungsverfahrens zu viele vernichtende Zeugenaussagen: Estradas Ex-Zögling Chavit Singson erzählte, wie sie sich das Geld aus dem von ihnen kontrollierten Glücksspiel geteilt hatten. Eine Bankangestellte kam mit Kontoauszügen und breitete aus, wie viele Millionen eine Vertraute Estradas in Bar einzahlte. Die Vizepräsidentin der zweitgrößten Bank der Philippinen legte dar, wie der Ex-Präsident das Geld anlegte: Sie war dabei, als er ein Investitionsanweisung mit dem Decknamen "Jose Velarde" unterschrieben habe. Alle werden im Plünderungsprozess erneut aussagen.

Estrada ist nicht der erste Politiker, dem auf den Philippinen Korruption vorgeworfen wird. Der demokratisch gewählte Estrada stürzte Anfang des Jahres durch einer Mischung aus friedlicher Revolution und Coup. Opposition, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und die mächtige katholische Kirche hatten Hunderttausende auf die Straße gebracht - daraufhin entzogen ihm Militär und Polizei das Vertrauen. Nachfolgerin Gloria Arroyo will Estrada zur Verantwortung ziehen. Sollte er zum Tode verurteilt werden, will sie die Strafe jedoch nicht vollstrecken lassen.

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