Pilotversuch : Anonym braucht Job

Vier Großunternehmen testen, wie sich im Bewerbungsverfahren Benachteiligungen verhindern lassen. Dabei ist die Versuchsanordnung noch nicht festgeklopft.

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Berlin - Post und Telekom werden von Herbst an Verfahren erproben, um Diskriminierung am Arbeitsplatz schon bei der Rekrutierung ihres Personals zu verhindern. Die beiden Dax-Unternehmen wollen sich ebenso wie zwei andere Große der Wirtschaft, Procter & Gamble und L’Oréal, am Pilotversuch der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zu anonymisierten Bewerbungen beteiligen, der in wenigen Wochen starten soll.

Die Firmen – auch ein mittelständischer Eventservice und das Bundesfamilienministerium sind dabei – werden in Zukunft in Teilen des Unternehmens Stellen nicht nur diskriminierungsfrei ausschreiben. Auch die Bewerbungen sollen so aussehen, dass sie möglichst keine Rückschlüsse auf ethnische Herkunft, Geschlecht, Alter oder Behinderung erlauben. Bedenken von Industrie- und Mittelstandsverbänden, der Versuch könne ein bürokratisches Ungeheuer hervorbringen, trat Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, entgegen. Man fürchte offenbar ein Gesetz. Das sei nicht geplant. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt rate sie, „sich entspannt anzusehen, was der Pilotversuch ergibt“.

Dabei ist die Versuchsanordnung noch nicht festgeklopft. Nach Angaben von Klaus Zimmermann, dessen Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit Erfahrungen anderer Länder mit der namenlosen Bewerbung geprüft hat, spricht aber viel für ein standardisiertes Formular, aus dem nur die fachliche Qualifikation der Bewerberin oder des Bewerbers hervorgeht. Dass die Firmen so nur genormte Qualifikation fänden statt Menschen, hält Frank Plate vom Familienministerium für praxisfremd. Das sei etwa durch „Selbstprofile“ ausgeschlossen, in denen die Kandidaten erläutern, warum sie sich für besonders geeignet hielten. Und „der bürokratische Aufwand liegt auch nicht beim Arbeitgeber, sondern beim Bewerber“, sagt Plate. Bewerbungen an sein Ministerium werden schon länger im Bundesverwaltungsamt geprüft – einzig auf Qualifikation.

Auch die Sorge, dass Vorurteile durch anonymisierte Verfahren nur verschoben werden, also beim Bewerbungsgespräch dann doch wirken, könnte unberechtigt sein. Zimmermanns Institut sammelte im Ländervergleich Hinweise darauf, dass am stärksten in der ersten Stufe des Bewerbungsverfahrens diskriminiert wird. Aus einer gut ethnisch, alters- und geschlechtsgemischten Reihe von Kandidaten ginge also folglich etwas seltener automatisch der weiße 35-Jährige ins Ziel. Es gebe dafür aber „noch zu wenig Evidenz“, sagte Zimmermann. Die will er durch die wissenschaftliche Begleitung des Versuchs schaffen.

Die Unternehmen betonten bei der Vorstellung in Berlin, dass sie am Pilotprojekt klares ökonomisches Interesse haben. Gemischte Belegschaften, so Martin Seiler von der Telekom, garantierten Innovation, Susanne Nezmeskal-Berggötz von der Deutschen Post nannte sie eine „Frage wirtschaftlichen Erfolgs“. „Diskriminierung ist gesellschaftlich eine lästige Sache“, so Zimmermann. „Wirtschaftlich entzieht sie Effizienz.“

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