Piraten : Frachterjagd auf hoher See

Die Piraten verlagern ihre Angriffe offenbar aus dem Golf von Aden in die Weiten des Indischen Ozeans.

Eva Krafczyk (dpa)

Nairobi - Die Piraten an Bord der „Maersk Alabama“ hatten ihre Rechnung ohne den Widerstandsgeist der Crew gemacht. Keine 24 Stunden nachdem das Containerschiff im Indischen Ozean am Mittwochmorgen auf der Fahrt in den kenianischen Hafen Mombasa gekapert worden war, brachten die amerikanischen Seeleute das Schiff wieder in ihre Gewalt. Die Piraten mussten dann das Schiff in einem Rettungsboot verlassen, nahmen aber Richard Philipps, den Kapitän der „Maersk Alabama“, als Geisel mit.

Gleich sechsmal schlugen somalische Piraten innerhalb weniger Tage zu. „Das ist fast wie Oster-Shopping“, sagte ein Sprecher der Nichtregierungsorganisation Ecoterra International in Kenia, die unter anderem Informationen über die gekaperten Schiffe und das Schicksal ihrer Besatzung sammelt. Am Freitag haben Piraten den norwegischen Chemie-Tanker „Bow Asir“ freigegeben, die Besatzung sei unversehrt, berichtet die Reederei Salhus Shipping. Zuvor hatte die Reederei offenbar 2,4 Millionen Dollar Lösegeld bezahlt. Der Chemie-Tanker war am 26. März entführt worden. Ungewiss ist weiter das Schicksal der fünf deutschen Seeleute auf dem in Hamburg registrierten Containerschiff „Hansa Stavanger“, das seit vergangenem Samstag in Piratenhand ist. Gekapert wurde die „Hansa Stavanger“ etwa 400 Seemeilen vor der somalischen Küste, und auch die „Maersk Alabama“ war zum Zeitpunkt des Piratenüberfalls ähnlich weit von der somalischen Küste entfernt. Es ist offensichtlich eine neue Strategie der Seeräuber, nicht mehr im Golf von Aden zuzuschlagen, sondern in der Weite des Indischen Ozeans. Denn im Golf patrouillieren Kriegsschiffe aus mehreren Nationen, die den Piraten das Handwerk legen wollen.

Hier birgt ein Überfall viel größere Risiken – und mehrere versenkte Piratenschiffe dürften ihnen eine Warnung sein. Dank moderner Satellitentechnik können die Seeräuber die angepeilte Beute auch über größere Distanzen verfolgen und erst dann zuschlagen, wenn es ihnen am günstigsten erscheint. Zwar müssen sie auf ihrem Weg nach Eyl oder in andere Hafenstädte an der somalischen Küste, in denen die gekaperten Schiffe bis zum Ende der üblichen Lösegeldverhandlungen vor Anker liegen, an deutschen Fregatten, amerikanischen Zerstörern oder indischen Marineschiffen vorbei. Doch mit der Mannschaft der gekaperten Schiffe als Faustpfand können sich die Piraten bisher sicher vor militärischer Intervention fühlen.

Schon seit einiger Zeit nehmen jedoch Forderungen nach einer „Aufrüstung“ der Handelsschiffe zu. Sicherheitsfirmen verzeichnen eine steigende Anfrage von Reedern, die ihre Schiffe von bewaffneten Profis schützen lassen wollen. Die Tatsache, dass die US-Crew innerhalb weniger Stunden die „Maersk Alabama“ zurückeroberte, deutet nicht nur auf Entschlossenheit der Seeleute hin, sondern auch auf ein effektives „Antipiratentraining“. Schon im vergangenen Jahr hatten koreanische Seeleute an Bord eines gekaperten Schiffes mit Knüppeln und Kung-Fu-Tritten die bewaffneten Seeräuber überrascht und von Bord gejagt. Nach der neuen Überfallserie werden nun erneut Stimmen laut, dass Seeleute für Fahrten in riskanten Gebieten bewaffnet und für die Abwehr von Piraten gezielter trainiert werden sollen. Eva Krafczyk (dpa)

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