Piratenchef Sebastian Nerz : "Politik ist kein einfaches Feld"

22.10.2011 18:06 Uhr
Sebastian Nerz, Chef der Piratenpartei. Foto: dpa
Sebastian Nerz, Chef der Piratenpartei. - Foto: dpa

Piratenchef Sebastian Nerz über Meinungsbildung in einer basisdemokratischen Partei, Sexismus, Extremismus und die Schwierigkeit, sachlich über Israel und den Holocaust zu reden.

Herr Nerz, wir wollten mit Ihnen ein Interview via Skype führen, um Sie auch sehen zu können. Jetzt haben Sie gar keine Webcam. Wie kann das sein beim Oberpiraten?

Moment mal, liegt hier noch irgendwo eine? Nein, wie es aussieht, habe ich die verliehen. Ich könnte jetzt noch eine holen, aber das wäre recht aufwendig.

Das bringt uns gleich zur ersten Frage: Gibt es in Ihrem Leben Offlinezeiten?

Ja, die gibt es durchaus – wenn ich auch erst in letzter Zeit angefangen habe, ganz bewusst den Rechner auszuschalten.

Ist das Netz gesundheitsschädlich? Sie husten ja schon ganz schön.



Das ist eine Bronchitis, die ich mir in der letzten Woche eingehandelt habe. Ich glaube aber nicht, dass das Netz an sich gesundheitsschädlich ist. Wenn man nur noch vor dem Computer hängt, kann das natürlich negative Nebeneffekte haben.

Wenn schon nicht das Netz krank macht, kann denn die Politik krank machen? Stehen die Piraten vor einem Burn-out?

Politik ist da natürlich durchaus ein gefährdeter Bereich. Aber das trifft die Piratenpartei nicht im Besonderen. Im Gegenteil: Bei uns verteilt sich die Last auf viele Schultern. Wir haben Strukturen, auch technische, mit denen sich Anfragen an verschiedene Teams delegieren lassen.

Trotzdem ist das Piratenprogramm nach wie vor lückenhaft. Sagt man zumindest. Wir würden da nun gern die Probe aufs Exempel machen…

Sehr gern.

... indem wir Sie mit den Themen der Woche konfrontieren. Erstens: Euro-Krise. Wäre ein Hebel beim EFSF die richtige Maßnahme?

Da müsste ich jetzt eigentlich die klassische Antwort geben: dass das ein Thema ist, zu dem wir als Partei noch keine Aussage erarbeitet haben. Ich persönlich glaube aber, dass das ganz große Problem bei so einem Hebel ist, dass derzeit niemand überschauen kann, welche Risiken man damit eingehen würde. Wir reden ja nicht nur davon, dass man jetzt eine wundersame Geldvermehrung von ein paar hundert Milliarden auf ein paar Billionen hat. Wir reden davon, dass man Geld von Banken nur zum Teil absichert und damit unter Umständen die nächste Bankenrettung vorprogrammiert.

Zweites Thema: Schuldenschnitt.

Ob und zu welchem Zeitpunkt ich einen Schuldenschnitt für Griechenland begrüße, kann ich nicht genau sagen. Einerseits hat die Partei dazu noch keine Haltung, andererseits kenne ich die griechische Wirtschaft nicht gut genug. Langfristig müssen wir darüber reden, wie der Finanzmarkt der Zukunft insgesamt aussehen soll. Ich habe den Eindruck, dass wir, wenn wir über Griechenland reden, zu viel Angst davor haben, was mit Banken in anderen Ländern geschieht.

Drittes Thema: Frauenquote.

Quoten sind ein interessantes Thema.

So ist es. Brauchen wir denn eine Quote für Frauen in Führungsämtern?

Eine Frauenquote kann ein Mittel sein, um eingefahrene Strukturen aufzubrechen. Wenn es sich in einem gesellschaftlichen Feld eingebürgert hat, dass dort nur Männer arbeiten, dann ist es für eine Frau beinahe unmöglich, in dieses Feld einzudringen. Dann muss Gleichberechtigung durch eine temporäre Zwangsmaßnahme erreicht werden. Eine solche Quote kann aber kein langfristiges Mittel sein, weil sie auch ein Stück weit diskriminierend für die Frauen ist.

Wann führen die Piraten eine Quote ein?

Die Piratenpartei hat dieses Problem nicht. Bei uns ist es für eine Frau nicht schwierig, in Entscheidungspositionen vorzurücken. Wir haben eher das Problem, dass wir zu wenige Frauen in der Partei haben. Da müsste man schon einen Zwangseintritt einführen.

Interessantes Modell. Wie kann man die Piraten für Frauen attraktiver machen?

Wir müssen zeigen, dass wir keine sexistische Partei sind – und überlegen, wie wir unsere Strukturen verändern können, um für Frauen attraktiver zu werden.

Gibt es da Ideen?

Nichts, was spruchreif wäre.

Lesen Sie auf Seite 2: Steuersenkungen, Auslandseinsätze der Bundeswehr und die Haltung der Piraten zu den Grünen

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