Plagiatsvorwürfe : Abschreiben als lässliche Sünde

Trotz der Plagiatsvorwürfe gegen Karl-Theodor zu Guttenberg stehen die Deutschen weiterhin hinter dem Verteidigungsminister. Umfragen zeigen: Eine Mehrheit der Bürger ist gegen einen Rücktritt des Verteidigungsministers.

Moses Fendel

Berlin - Auch nachdem er „gravierende Fehler“ in seiner Doktorarbeit zugegeben hat, ist die Mehrheit der Bürger gegen einen Rücktritt Guttenbergs. Dies geht aus Umfragen hervor, die Meinungsforschungsinstitute im Auftrag verschiedener Medien durchgeführt haben. Nach einer Umfrage des Forschungsinstituts TNS Emnid im Auftrag des Magazins „Focus“ etwa sind nur 27 Prozent der Deutschen für einen Rücktritt Guttenbergs.

Eine andere Umfrage von Infratest dimap im Auftrag der ARD kommt zu dem Ergebnis, dass selbst die Anhänger der Oppositionsparteien für einen Verbleib des Ministers im Amt stimmen. Demnach sprechen sich 71 Prozent der SPD- Wähler gegen einen Rücktritt aus, und selbst bei den Wählern der Grünen erfährt Guttenberg noch Unterstützung: 61 Prozent von ihnen sind gegen seinen Rücktritt.

Wie aber ist die ungebrochene Beliebtheit Guttenbergs zu erklären? Richard Hilmer, Geschäftsführer von Infratest dimap, sagte: „Die normale Welt ist im Gegensatz zur akademischen Welt und zur Medienwelt der Meinung, dass Abschreiben eine lässliche Sünde und kein strafwürdiges Vergehen sei.“ Die Bürger seien insgesamt zurückhaltender mit Rücktrittsforderungen als die Parteien und die Medien. Außerdem herrsche eine größere Duldsamkeit, wenn es um bereits geleistete Arbeit gehe. Aber: „Guttenbergs Glaubwürdigkeit hat unter seiner glatten Oberfläche Risse bekommen“, sagte Hilmer. Deshalb könne die Stimmung schnell umschlagen, wenn weitere Details ans Licht kämen. „Wenn jetzt herauskäme, dass die Arbeit doch von einem Ghostwriter geschrieben wäre, würde die öffentliche Meinung davon berührt“, fuhr Hilmer fort.

„Mein Eindruck ist der, dass es irgendwie gelungen ist, den Betrug bei der Dissertation so von seinem Amt zu trennen, dass er ihm jetzt politisch nicht schadet“, sagte Bernhard Weßels, Politikwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Er nannte vier Kategorien, die in der öffentlichen Meinung über Spitzenpolitiker eine Rolle spielen: Führungsqualitäten, Kompetenz, Integrität und Sympathie. Guttenbergs Führungsqualitäten seien in den Augen der Wähler sehr hoch, „wenn er sich in seiner schicken Splitterweste in Afghanistan zeigt“. Auch mit seiner Kompetenz, die ihm Kanzlerin Merkel und seine Partei fortwährend bescheinigten, überzeuge Guttenberg. Diese beiden Eigenschaften würden von den Bürgern stärker geschätzt als die Integrität. „Integrität ist augenscheinlich nicht gefragt“, sagte Weßels und beklagte, dass es bisher zu wenig klare Statements aus der Wissenschaft gebe. Dass Guttenberg seinen Doktortitel nicht mehr führen wolle, sieht Weßels als einen „sehr geschickten Schachzug, der ihm Sympathie einbringe. Diese Pose suggeriert Großzügigkeit, aber er kann den Titel gar nicht zurückgeben. Er wird ihm definitiv von der Universität Bayreuth aberkannt werden.“

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