Polen : Präsidentschaftskandidat nach amerikanischem Vorbild

Polens Außenminister Sikorski will Präsident seines Landes werden – dazu muss er die Vorwahlen in seiner Partei gewinnen.

Knut Krohn[Warschau]
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Foto: ddpddp

Radoslaw Sikorski ist ein Leitwolf. Dem smarten Mann mit dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein fällt es schwer, sich einem noch Mächtigeren unterzuordnen, weshalb ihm das Amt des Außenministers Polens offensichtlich lediglich als Zwischenstation dient. Der 47-Jährige will nach ganz oben, und es steht für ihn außer Frage, dass er auch als Präsident der Republik eine gute Figur machen würde.

Sikorskis Chance auf das höchste Amt kommt nun früher als gedacht. Alle Welt hatte erwartet, dass Premier Donald Tusk ins Rennen um die Präsidentschaft Ende 2010 gehen würde, schwimmt er doch seit mehr als zwei Jahren auf einer Welle der Beliebtheit. Ende Januar aber gab der Regierungschef seinen Verzicht auf eine Kandidatur bekannt. Er könne Polen als Premier mehr dienen denn als Staatschef, erklärte er.

Noch während sich die Auguren über die tatsächlichen Hintergründe dieses überraschenden Schrittes die Köpfe zerbrachen, ließ er auf den ersten Paukenschlag den zweiten folgen. Tusk wollte den Kandidaten seiner Partei Bürgerplattform (PO) nicht selbst benennen, sondern verkündete, das Parteivolk solle selbst bestimmen. Gewählt werden kann zwischen Sikorski und dem Parlamentspräsidenten Bronislaw Komorowski. Demokratisch wie in den USA werde es zugehen, verkündete der Premier – und ließ mit diesem vielsagenden Satz die Konkurrenz der national-konservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) wie ein Relikt aus grauer Vorzeit erscheinen. Die ist zugeschnitten auf den Vorsitzenden und ehemaligen Premierminister Jaroslaw Kaczynski, den unumschränkten Herrscher über die eigenen Reihen und den Präsidentenpalast. Denn dort sitzt sein Bruder Lech, der keine wichtige politische Entscheidung ohne vorherige Konsultationen mit seinem Zwilling fällt.

Radoslaw Sikorski, der lange in den USA lebte, sieht nun seine Chance gekommen, stürzte sich mit dem ihm eigenen Elan in den Kampf und lieferte bei seinem ersten offiziellen Auftritt Anfang März einen Abklatsch der Veranstaltungen nach amerikanischem Vorbild. Der lächelnde Kandidat stieg unter dem Jubel der Anhänger Händchen haltend mit seiner Frau auf die Bühne, dankte ihr für ihre Hilfe, verteilte Blumen und hielt eine aggressive Rede, in der er das amtierende Staatsoberhaupt scharf angriff. „Der Präsident Polens darf körperlich klein sein, aber nicht kleingeistig“, rief er der dankbar jubelnden Menge zu.

Allein seinen parteiinternen Konkurrenten Komorowski ließ Sikorski ungeschoren. Beide hatten sich verständigt, einander nicht anzugreifen, schließlich gelte es, die politische Konkurrenz zu schlagen. Sikorski versucht sich mit seiner demonstrativ dynamischen Art von dem zurückhaltenden, aber hoch angesehenen Komorowski abzusetzen. Der Sejmmarschall steht für einen ruhigen Politikstil und hat sich während seiner Karriere immer dem Wohle der Partei untergeordnet. „Freiheit, Gemeinschaft, Zusammenarbeit“ ist sein Motto im Wahlkampf, und er unterstreicht, dass der Präsident Verantwortung für den Staat trage. Im Klartext: anders als Lech Kaczynski würde er die Regierungsarbeit nicht ständig mit einem Veto blockieren.

Natürlich verspricht auch Sikorski, der Regierung keine Knüppel zwischen die Beine zu werfen, doch sieht der weltgewandte Politiker sein Wirkungsfeld vor allem in der Außenpolitik. Er möchte als Präsident „das äußere Erscheinungsbild Polens auf dem internationalen Parkett verbessern“. Seine Präsidentschaft würde „Exportcharakter“ haben, verspricht er.

In seiner eigenen Partei ist das forsche Auftreten Sikorskis allerdings umstritten. Wladislaw Bartoszewski, 88 Jahre alter ehemaliger Außenminister, kommentierte die Ambitionen des Aufsteigers: „Wenn das mein Sohn wäre, würde ich ihm sagen: Söhnchen, deine Pflicht ist es jetzt, noch sechs Jahre lang deinem Land als Außenminister zu dienen. In sechs Jahren wirst du 52 sein. Dann hast du noch das ganze Leben vor dir.“ Aber auch darauf fiel dem scharfzüngigen Sikorski, der wenig später seinen 47. Geburtstag feierte, eine überaus selbstbewusste Replik ein:Mit 47 Jahren sei Barack Obama Präsident der USA geworden. Einziger Unterschied zwischen ihm und Obama – der US-Präsident habe einen Atomkoffer.

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