Politbarometer : Wulff und FDP - Die Krisen verschärfen sich
Mehrheit der Befragten für Wulff-Rücktritt
Die Affäre Wulff schadet der Union offenbar also nicht. Ausgestanden ist sie aber damit nicht. Und zufrieden zurücklehnen werden sich die Unionisten wohl auch nicht. Zwar sorgen die Kontrolleure der BW-Bank für eine kleine Atempause für Wulff. Aber in der Bevölkerung kippt die Stimmung. Denn erstmals spricht sich nun eine Mehrheit der Deutschen für einen Rücktritt des amtierenden Bundespräsidenten Christian Wulff aus - wenn auch nur eine knappe. Anfang Januar waren noch 44 Prozent der Befragten der Meinung, dass Wulff zurücktreten müsse, jetzt sind es 50 Prozent. 45 Prozent sind für einen Verbleib, fünf Prozent wissen es nicht.
Erhebliche Unterschiede gibt es zwischen den Parteianhängern und zwischen den Bildungsabschlüssen. 36 Prozent der Unionsanhänger sind für Rücktritt, 54 Prozent der Linken, 64 Prozent der SPD-Anhänger, 68 Prozent der Grünen und 67 Prozent der Piraten. Bei den Hauptschulabsolventen sprechen sich 45 Prozent für einen Rücktritt aus, bei den Hochschulabsolventen sind es 63 Prozent.
Auch das Ansehen des Bundespräsidenten nimmt weiter rapide ab. Während er Ende November - vor Bekanntwerden der Vorwürfe - noch klar positiv bewertet wurde mit +1,9, so ist er nun klar im negativen Bereich mit -0,8. Für 75 Prozent der Deutschen ist Wulff dauerhaft beschädigt. Selbst 72 Prozent der Unionsanhänger sind dieser Ansicht.
Die Causa Wulff in Bildern:
Den Umgang der Medien mit der Affäre Wulff finden 44 Prozent der Befragten "gerade richtig". 47 Prozent finden ihn "zu hart" und 5 Prozent sind der Meinung, dass die Medien "nicht hart genug" mit ihm umgehen. Die größte Kritik an den Medien kommt aus dem Lager der Union und von jenen, die Wulff auf jeden Fall weiter im Amt behalten wollen.
Ein wenig losgelöst vom konkreten Fall Wulff hat der Anteil derer, die finden, dass man an Politiker höhere moralische Maßstäbe ansetzen soll, zugenommen. Fanden das vor zwanzig Jahren noch 61 Prozent richtig, sind es nun 67 Prozent. Vor zehn Jahren war der Wert auf 59 Prozent gesunken. Eine gewachsene Öffentlichkeit ist dabei kein Grund für eine größere Toleranz. Nur 28 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass man Politiker heute nachsichtiger beurteilen solle, weil man nun mehr über ihr Leben erfahre. 66 Prozent finden nicht, dass Politiker wegen größerer Transparenz nachsichtiger behandelt werden sollten.
Unterdessen hat die hannoversche Oberstaatsanwältin Irene Silinger klar gestellt, dass Bundespräsident Christian Wulff in der aktuellen Debatte um seine Kredit- und Medienaffäre als Lügner bezeichnet werden darf. Die Äußerung sei in diesem Zusammenhang von der Meinungsfreiheit gedeckt, sagte sie der Nachrichtenagentur dapd. Es gebe keinen Anlass für Ermittlungen gegen den Fraktionsvorsitzenden der Grünen im niedersächsischen Landtag, Stefan Wenzel. Wenzel hatte Wulff in einem Interview am Samstag einen Lügner genannt und zum Rücktritt aufgefordert. Daraufhin waren bei der Staatsanwaltschaft Hannover drei Anzeigen gegen ihn wegen Verunglimpfung des Bundespräsidenten eingegangen.
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