Politikerportrait : Die Freiheit vor Augen

Der Motorradfahrer und SPD-Fraktionschef Peter Struck feiert Geburtstag: Der raubeinige Niedersachse wird heute 65 Jahre alt.

Tissy Bruns
Struck
Großes Mundwerk: Peter Struck. -Foto:ddp

Berlin Schwer vorstellbar, dass es einmal einige Tage gab, an denen Peter Struck eisern schwieg. Das begab sich im Jahr 1998. Nach 16 Oppositionsjahren endlich ein SPD-Wahlsieg, für den die Dauerkonkurrenten Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder einen Burgfrieden geschlossen hatten. SPD-Chef Lafontaine, der Schröder das Kanzleramt überlassen musste, wollte als künftiger Bundesfinanzminister keinen SPD-Fraktionschef, den er selbst einmal aus dem SPD-Vorsitz vertrieben hatte. Rudolf Scharping musste also ins Kabinett. Als die Kämpfe darum tobten, wusste der langjährige Strippenzieher Struck, dass es auf ihn zulaufen könnte. Er sagte kein einziges Wort. Und wurde Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion.

Kaum mehr vorstellbar, dass auch Struck zu Zeiten der wilden Machtkämpfe zwischen den "Enkeln" einstecken musste. "Kartell der Mittelmäßigkeit" lästerte einmal aus Hannover Schröder über die Bundestagsfraktion, in der Struck vor 1998 als Parlamentarischer Geschäftsführer viel zu sagen hatte. Unter dem Kanzler Schröder wurde er zur festen Größe, als Fraktionschef und Verteidigungsminister. Sein großes Mundwerk hat der betont rabaukige Niedersachse bald wiedergefunden.

"Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt", hat er als Verteidigungsminister gesagt – sicher das Wort mit dem größten politischen Nachhall. Die Rolle, in die Schröder ihn 2005 für den abermals gestürzten Scharping schickte, war ihm auf den Leib geschrieben. Der ungediente Minister fand schnell die Achtung von Generälen und Soldaten. Er gehört zu den wenigen deutschen Spitzenpolitikern, die unmissverständlich den Ernst der Auslandseinsätze benennen.

Nach einem schweren Schlaganfall im Jahr 2004 weiß Struck und wissen alle anderen, dass er als großkoalitionärer Fraktionschef seine letzte politische Aufgabe wahrnimmt. Während er in der ersten Hälfte seinen Amtskollegen von der Union stets als "mein Freund Volker Kauder" titulierte, ist es in der zweiten Hälfte Struck, der demonstrativ austeilt. Seit Roland Koch in Hessen einen in den Augen der SPD unzulässigen Wahlkampf intoniert, legt Struck seinem losen Maulwerk keinerlei Zügel mehr an. Sein widerborstiges "Die CDU? Die kann mich mal" hat Aussicht auf ständige Wiedervorlage in Zeitungen, Funk und Fernsehen und könnte zum Kultbegriff für den Zustand dieser Koalition werden. Bedenkenträgerei hinsichtlich der taktischen Klugheit von unbedachten Äußerungen liegen Struck mittlerweile recht fern. Er ist eben der Fraktionschef, der in der großen Koalition den Truppenteil ohne die Kanzlerin führt. Und der muss für das Selbstbewusstsein seiner Leute gelegentlich mit härteren Bandagen kämpfen. Der begeisterte Motorradfahrer Struck hat die Freiheit vor Augen; der Politiker nimmt sie sich schon jetzt.

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