• Politikverdrossen ist die Jugend - doch das liegt nicht an ihr, sagt die Shell-Studie (Kommentar)

Politik : Politikverdrossen ist die Jugend - doch das liegt nicht an ihr, sagt die Shell-Studie (Kommentar)

Beatrice von Weizsäcker

Da sind sie, die Guten, die mit dem Finger auf die Bösen zeigen. Viele Jugendliche sind ausländerfeindlich, sagen sie, vor allem im Osten. Da leben auch die meisten, die glauben, dass es zu viele Ausländer in Deutschland gibt - ausgerechnet dort, wo es praktisch keine Ausländer gibt.

Doch wer mit einem Finger auf andere zeigt, weist mit dreien auf sich selbst. Natürlich ist jeder ausländerfeindliche Übergriff einer zuviel. Aber die bloße und undifferenzierte Betrachtung des Phänomens Fremdenfeindlichkeit greift zu kurz. Darauf hinzuweisen, ist ein großes Verdienst der Shell-Jugendstudie. Da ist zum einen die Warnung, mit Zahlen vorsichtig zu sein. Denn die Frage, wieviele Jugendliche ausländerfeindlich sind, lässt sich wissenschaftlich nicht seriös beantworten, sagen die Autoren. Es fehlt der objektive Maßstab. Da ist zum anderen die wohltuende Mahnung zu größter Disziplin bei der Deutung von Zahlen. Denn es ist keinesweg nur oder gar in erster Linie rechtsradikales Gedankengut, das junge Leute anzieht. Es ist vielmehr ihre eigene Situation, die sie anfällig macht: die Angst vor Arbeitslosigkeit, vor Konkurrenz, die Angst vor der eigenen Zukunft. Das muss die Politik ernst nehmen.

Doch kann sie das überhaupt? Seit Jahren stoßen die Wissenschaftler bei den Jugendlichen auf ein sinkendes Interesse an Politik und Parteien. Wie also können Politiker Jugendlichen erreichen, wenn diese sich angeblich nicht erreichen lassen wollen? Doch so einfach ist das nicht.

Die junge Generation ist positiv gestimmt. Selten sind die Wissenschaftler auf ein derartiges Ausmaß an Zuversicht gestoßen. Besonders hoch ist die Zuversicht in die gesellschaftliche Entwicklung. Von Desinteresse an dem, was sich öffentlich tut, kann keine Rede sein. Gesellschaftsverdrossen sind die Jugendlichen jedenfalls nicht. Aber politikverdrossen?

Vielleicht sind sie es nicht. Vielleicht sind sie nur politikerverdrossen. Vielleicht ist die Wurzel des Übels nicht die vermeintliche Politikverdrossenheit der Jugend, sondern die Jugendverdrossenheit der Politiker. Christian Simmert, jugendpolitischer Sprecher der Grünen, kann ein Lied davon singen. Während Parteien und Politiker sich auf meist theoretische Programme und gutgemeinte Sonntags-Reden beschränken, hat sich der junge Grüne konkreter Projekte angenommen. So hat er eine Homepage eingerichtet, die zum intensiven Dialog einlädt. So organisiert er in seinem Wahlkreis Veranstaltungen ausdrücklich für junge Leute. Warum machen das nicht auch andere? Die meisten Politiker schauen einfach weg, wenn es um Jugendliche geht, sagt Simmert. Ihnen fehlt es an Fantasie und Bereitschaft, sich dem Nachwuchs zuzuwenden. Jugendliche werden erst mit 18 Jahren interessant - und dann nur als Wähler.

Die Jugendverdrossenheit der Politiker kommt nicht von ungefähr. Jugendliche sind anstrengend, anstrengender als Erwachsene. Längst verstehen viele Politiker junge Menschen nicht mehr. Durch ihr selbstverständliches Aufwachsen mit neuen Techniken sind sie, so scheint es Älteren, unberechenbarer geworden. Jedenfalls fremder. Das wirkt sich auf den Alltag aus, auch auf die Sprache, die sich ändert und für andere oft unverständlich ist. Sprachlosigkeit ist die Folge. Politiker haben es nicht mehr mit einer "Spaß-Generation" zu tun, sondern mit Jugendlichen, die früher erwachsen werden, leistungsbewusster sind, nüchterner, flexibler und ehrgeiziger. Sie empfinden die Reden von Politikern als Geschwätz von gestern, und die Politiker tun herzlich wenig, dem entgegenzuwirken. Auch das trägt zur Entfremdung bei. Und Jugendliche kennen die Erfahrung, sich nicht auf die Politik, sondern letztlich nur auf sich selbst verlassen zu können. Verlässlichkeit sucht man zu Hause, nicht bei Parteien.

Es ist nicht die Jugend, die die Politik vergessen hat, es ist die Politik, die den Anschluss an die Jugend verpasst hat. Die Politiker sollten sich nicht über mangelndes Interesse der Jugend beschweren. Hier gilt dasselbe wie bei der Fremdenfeindlichkeit: Wer mit einem Finger auf andere zeigt, weist mit dreien auf sich selbst.

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