Politik : Porträt: Paul Schäfer

Hamburg (11.03.2005, 15:26 Uhr) - In der deutschen Siedlung «Colonia Dignidad» in Südchile forderte Paul Schäfer Zucht und Ordnung. Doch nicht das wirft die Justiz dem inzwischen 83-jährigen Deutschen vor, sondern Kindesmissbrauch, Steuerhinterziehung und Freiheitsberaubung. Die sexuelle Vorliebe für Minderjährige und teutonischer Größenwahn ziehen sich wie ein roter Faden durch das Leben des Laienpredigers.

Schäfer wurde am 4. Dezember 1921 in Siegburg bei Bonn geboren. Von Nationalsozialismus und Wehrmachteinsatz geprägt, glaubte er nach dem Krieg, einer persönlichen religiösen Mission folgen zu müssen. Die Versuche, als Jugenderzieher in kirchlichen Institutionen zu arbeiten, schlugen fehl. Mehrfach wurde er wegen homosexueller Beziehungen zu Minderjährigen entlassen.

Der Baptistenprediger mit dem wirren rechten Weltbild gründete 1956 in Siegburg seine «Private Sociale Mission». Auch hier wird bald wegen Missbrauchs gegen ihn ermittelt. Zusammen mit 250 Getreuen setzte sich Schäfer 1961 nach Chile ab und gründete in Parral südlich der Hauptstadt Santiago die «Colonia Dignidad».

Die Siedlung wird zu einem befestigten Lager mit sektenähnlichen Strukturen ausgebaut und von Schäfer autoritär geführt. Widerspruch seiner wie Arbeitssklaven gehaltenen Untergebenen ließ er hart ahnden. Der Staatsanwaltschaft zufolge wurde die hermetisch abgeschirmte Siedlung nach dem Militärputsch in Chile 1973 mit Billigung Schäfers zu einem der berüchtigten Folterzentren des chilenischen Geheimdienstes.

Seiner Festnahme 1996 entzog sich der Deutsche durch Flucht. Gegen ihn lagen internationale Haftbefehle aus Deutschland und Chile vor. Neben deutschen Siedlungskindern soll sich der selbst ernannte Herrscher mehrfach an chilenischen Schülern des von der Kolonie unterhaltenen Internats vergangen haben. Am Donnerstag endete die neunjährige Flucht mit der Festnahme in Argentinien. (tso) ()

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