Politik : Portugal

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Telmo Pires,
Generation 25



Mein Zuhause
Trage ich in mir.
Wo immer auf der Welt
Ich auch bin.
Meine Heimat –
Hat viele Namen.
Der Schönste aber ist
Europa

Der Autor, Jahrgang 1972, ist Fado-Musiker.

 

Margarida Gouveia Fernandes,
Generation 50

Globalisierung, Fragmentierung und Mobilität haben dazu beigetragen, die Grenzen zwischen Außen- und Innenpolitik immer stärker zu verwischen. Zeitgleich erleben wir eine Renaissance der Geopolitik und eine immer stärkere Bejahung der nationalen Interessen. Der 11. September und die Möglichkeit der „Privatisierung des Krieges“ haben die traditionellen Sicherheitskonzepte in Frage gestellt. Die freie Meinungsäußerung und die Einhaltung der Menschenrechte sind auf den internationalen Fora anerkannte Grundsätze, jedoch ist eine Intensivierung der Konfrontation der verschiedenen Fundamentalismen zu beobachten, die zu den unwahrscheinlichsten Allianzen führen.

Trotz der Energie, die in das Projekt Europäische Union fließt und der Verführung der ihm Form gebenden Utopie, entzieht sich Europa diesem Szenario paradoxer Entwicklungen nicht. Wir stehen in Europa vor einer Krise der Werte, die die „Neins“ zur Europäischen Verfassung in eine Verfassungskrise der Europäischen Union verwandelt haben. Die Erweiterung hat aus Europa de facto eine kontinentale Macht gemacht. Erleben wir eine Verstärkung seiner Rolle als politische Avantgarde, die es bereits in den Bereichen der Entwicklungszusammenarbeit und der Umweltpolitik inne hat? Oder kann Europa zum „irrelevanten Kontinent“ werden? In Anbetracht der akuten Probleme der Überalterung, mit der sich Europa konfrontiert sieht, ist die Innovationsfähigkeit bei der Lösung von Identitätsfragen und im Umgang mit Migrationsbewegungen für seine Zukunft entscheidend.

Wenn es stimmen sollte, dass die Bildung der Identität aus Dialogen/Konfrontationen resultiert, dann ist der Blick auf den Anderen und die Art des Umgangs mit ihm entscheidend für die Konstruktion der eigenen Identität. Die Konstruktion des Ichs erfolgt im Angesicht des Anderern.

Die intrakulturelle Prägung hat sich als unausweichlich in der Definition unserer europäischen Identität herausgestellt und hilft uns, nicht in die Falle einer versteinerten Kulturvorstellung zu geraten. Vielleicht ist es deshalb heute möglich, neben meiner Heimat Lissabon eine zweite Heimat in Berlin gefunden zu haben, dieser auf Sand und Wasser gebauten Stadt, die ihre Wunden nicht versteckt und deshalb so liebenswert ist. Eine Stadt, die uns einen Weg zeigt – dass aus Kenntnis Erkenntnis werden kann. Eine Berliner Lektion. Eine europäische Chance.

Die Autorin, Jahrgang 1949, ist Botschaftsrätin für Kultur und Presse an der portugiesischen Botschaft in Moskau.

Mario Soares,
Generation 75

Für einen 75-Jährigen – oder in meinem Falle einen 82-Jährigen – ist die Europäische Union das erstaunlichste politische und friedliche Projekt, das unsere Welt im letzten halben Jahrhundert gesehen hat. In diesem 21. Jahrhundert, das so unsicher und voller Gefahren ist, ist sie ein wahres Utopia unserer Zeit. Sie ist ein Projekt, bei dem die Mitgliedstaaten freiwillig auf bestimmte Aspekte ihrer Souveränität verzichten, damit sie gemeinsam mehr gerechte Gesellschaften bzw. Wohlfahrtsgesellschaften mit nachhaltiger Entwicklung und sozialer Verständigung realisieren und gleichzeitig mit einer Stimme sprechen können und im heute so komplexen und multikulturellen internationalen Kontext echtes politisches und wirtschaftliches Gewicht besitzen. Für Portugal und Spanien, beides iberische Länder, die aus alten und obsoleten Diktaturen auftauchten, war Europa die Möglichkeit, ihre Demokratien erfolgreich zu vertiefen, ihre Infrastrukturen auszubauen und die Mentalitäten ihrer Völker zu modernisieren. Aus diesem Grunde wollen sie, dass die Europäische Union auf politischer, institutioneller, sozialer und ökologischer Ebene voranschreitet und schnellstens die Lähmung überwindet, in der sie sich trotz der letzten Erweiterungen befindet. Die politische und institutionelle Union muss sich – mit oder ohne Änderungen – einen Verfassungsvertrag geben, selbst wenn einige Mitgliedstaaten, die das nicht wollen, dabei zurückbleiben.

Der Autor, Jahrgang 1924, gründete 1973 die Sozialistische Partei Portugals und wurde 1976 Premierminister Portugals. 1977 stellte er den förmlichen Antrag auf Beitritt Portugals zur EU. Von 1986-1996 war er Präsident Prortugals und später Abgeordneter des Europäischen Parlaments. Aus dem Englischen von Karin Ayche.




Henrique Neves


1. Fluidität des Raumes. Gestern sah ich im Internet einen Videoclip über portugiesische Immigranten in Frankreich in den 70er Jahren. Als ich ihre Geschichten hörte, wurde mir bewusst, wie privilegiert ich gewesen bin. Ich bin in verschiedene Städte gereist, habe dort gearbeitet und studiert. In Amsterdam und London habe ich mich zu Hause gefühlt. Wäre ich ein paar Jahre früher geboren, wäre dies viel schwerer gewesen. Dass es so einfach war, eine Aufenthaltsgenehmigung und andere Dokumente zu beantragen und zu bekommen, verdanke ich der EU.

2. Bidonville. Vor einem Monat besuchte ich einen Slum bei Lissabon. Er unterschied sich nicht sehr von den Bildern der Bidonvilles in besagtem Videoclip. Aber die schmalen Gesichter der portugiesischen Arbeiter waren durch die von Kapverdiern, Brasilianern und Ukrainern ersetzt worden. Die genauso schmal waren.

3. Under Construction: Die Idee von einem fließenden, verbunden Raum ist für viele Menschen in Europa nicht selbstverständlich. Für Menschen, die die EU durch ihre Anwesenheit und Arbeit aktiv umsetzen. Die Fähigkeit, die Erfahrungen und Beiträge jener Kapverdier, Brasilianer und Ukrainer in das Konzept von Europa einzubinden, ist unverzichtbar.

4. Teppiche. Ich habe kein Inspirationsmodell für die ideale EU. Als visuelles Bild denke ich an Teppiche. Ein Teppich ist ein komplexes System textiler Stoffe, die miteinander verwoben werden, wodurch diverse Muster und Motive entstehen. Wie dieses Miteinanderverweben/Zusammenleben geschehen soll, muss die EU herausfinden. Und mit EU meine ich Sie, mich, meine engsten Freunde, meinen nervigen Nachbarn und... und... und...

Der Autor, Jahrgang 1965, ist Video- und Installationskünstler. Aus dem Englischen von Karin Ayche.

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