Politik : Präsident von Mexiko: Spiel mir das Lied vom Sieg

Sigrun Rottmann

Es ist ein historischer Tag für Ciudad Constitución. Ein Präsidentschaftskandidat fliegt mit dem Privatjet aus Mexiko-Stadt ein, und das Nest in der Halbwüste von Baja California steht Kopf. Auch der Kandidat spricht von einem historischen Tag, aber er meint das ironisch. Wie viele Leute denn erwartet würden, fragt Vicente Fox beim Landeanflug und wirft einen besorgten Blick aus dem Fenster: eine Staubpiste und Kakteen, so weit das Auge reicht. "Dreitausend", sagt der Privatsekretär, und Fox schmunzelt. "Aber auf so viele kommen die nur, wenn sie ihre Ziegen mitbringen."

Am Boden wartet ein nervöser Mann auf Vicente Fox. Es ist Alfredo García, Generalsekretär der Partei der Nationalen Aktion (PAN) im mexikanischen Bundesstaat Baja Califonia Sur. Seit drei Stunden warten - tatsächlich - mindestens 3000 Menschen auf dem Marktplatz, und das während der Arbeitszeit und bei glühender Hitze. "Noch nie hat uns ein Präsidentschaftskandidat der PAN besucht, obwohl wir in Constitución viele Stammwähler haben", erklärt García die Aufregung. Und jetzt komme gar einer mit einer echten Chance, der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) nach 71 Jahren an der Macht den Posten des Staats- und Regierungschefs abzujagen.

Fünf Minuten hat García, um Fox auf der Fahrt zum Ortszentrum über die Probleme der Bürger zu informieren. Dann schwingt dieser seine Cowboystiefel aus dem Auto und beginnt seinen Triumphzug zur Bühne. Der Platz tobt, Tausende rufen im Chor "VI-CEN-TE". Viele wollen den fast zwei Meter großen Mann berühren, Eltern reichen ihm ihre Kinder, damit er sie küsst. Die Musiker der Blaskapelle geraten in hörbare Verzückung. Fox ist in seinem Element, er legt eine Hand entspannt auf seine silberne Gürtelschnalle mit der Aufschrift "FOX" und ruft ins Mikrofon: "Ich bin selbst Landwirt und weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, zu säen und zu ernten." Gegen die Wasserknappheit in der Region werde er etwas tun, Kleinstkredite ohne Bürgschaft werde es geben. Nicht erst morgen beginne die Zukunft. "Heute, heute", brüllt die Masse. Dann nimmt Fox seinen Anhängern in Constitución einen Schwur ab. "Streckt die Arme hoch, zeigt mir das Siegeszeichen und schwört, dass ihr bis zum 2. Juli jede freie Minute für den Sieg arbeiten werdet. Gott segne Euch."

Hunderttausende Mexikaner haben dem Kandidaten der konservativen PAN inzwischen ihre Loyalität geschworen. Freund und Feind sind sich einig: Dieser Mann hat Charisma, dieser Mann ist ein Siegertyp. Seine Mission: "Sacar el PRI de Los Pinos" - die PRI muss raus aus dem Präsidentenpalast von Los Pinos. Meinungsumfragen zufolge ist der 57-Jährige seinem Ziel zum Greifen nah: Fox und PRI-Kandidat Francisco Labastida schneiden in der Wählergunst mit jeweils um die 38 Prozent gleich gut ab; bei einigen Umfragen kann Fox vier Punkte Vorsprung verbuchen. Cuauthémoc Cárdenas, Kandidat der linksorientierten Partei der Demokratischen Revolution (PRD), liegt weit abgeschlagen auf dem dritten Platz.

Im Wahlkampf-Team Labastidas, so heißt es, geht die Angst um. Die Strategen wurden überrascht vom Phänomen Fox. Die "Priistas" könnten der Demokratisierung zum Opfer fallen, die sie mit eingeleitet haben.

"Den Gedanken, die Macht zu verlieren, kann die PRI nicht ertragen", erklärt Fox auf dem Flug von Constitución nach Durango und streckt die Cowboystiefel weit von sich. Deswegen kaufe die PRI eifrig Stimmen, deswegen verbreite sie diffamierende Gerüchte über ihn. "Doch je mehr sie mich angreifen, desto besser für mich", sagt er.

Fox strotzt vor Selbstbewusstsein. Er kann es sich leisten, zum feinen Anzug Cowboystiefel zu tragen und wichtige Daten aus der mexikanischen Geschichte durcheinander zu werfen. Vor einigen Wochen machte er sich zum Gespött der Nation, weil er im Gespräch mit Labastida und Cárdenas störrisch auf einer gemeinsamen Fernsehdebatte noch am gleichen Abend bestand. "Hoy", wiederholte er verbissen, "nur heute debattiere ich." Labastida und Cárdenas ließen Fox sitzen, die Presse schlachtete den Vorfall aus. Doch Fox erklärte ein paar Tage später Starrsinn zur notwendigen Charaktereigenschaft eines Staatschefs und machte "Hoy" zum Schlachtruf seiner Kampagne.

Fox hat Talent, dabei ist er eigentlich kein Politiker, sondern in erster Linie Unternehmer. Darauf legt er Wert, und das kommt vor allem bei jungen Mexikanern an, bei der Mittelschicht. "Ich folge keiner politischen Ideologie", sagt er mit unüberhörbarem Stolz. "Ich bin pragmatisch." Nach einer Manager-Karriere bei Coca Cola kehrte Fox auf die elterliche Ranch zurück und konzentrierte sich dort auf die familieneigene Stiefelfabrik. Gerne posiert er auf der Farm mit seinem Lieblingspferd und Cowboyhut als mexikanischer Ranchero und pflegt so das Image des Revoluzzers mit Sinn für Tradition.

1991 machte Fox erstmals Schlagzeilen, als er bei der Gouverneurswahl in Guanajuato von der PRI um den Sieg betrogen wurde. Fox organisierte Proteste, die Wahl wurde annulliert, im zweiten Anlauf gewann er haushoch.

Fox ist Katholik, Abtreibungsgegner und findet Homosexualität widernatürlich. Er bewundert den "Dritten Weg" der europäischen Sozialdemokratie. Die PAN sei zwar eine christdemokratische Partei, und er ordne sich, wenn überhaupt, eher als Sozialdemokrat ein. Jedenfalls werde er alles daran setzen, den Reichtum in Mexiko umzuverteilen, sagt Fox. "Ich bin ein Populist im besten Sinne des Wortes."

Kann ein Sozialdemokrat für eine christdemokratische Partei kandidieren? Fox winkt ab. "Die PRI muss weg, und dazu müssen wir alle Kräfte vereinen." Mancher in der PAN soll über so viel Opportunismus gemurrt haben. Doch jetzt steht die Partei hinter ihm. Auch zahlreiche PRI-Politiker sind zu Fox übergelaufen, Ex-Kommunisten haben einen Pakt mit ihm geschlossen.

Wie zum Trost für alle Zweifler wirbt Fox für ein "pluralistisches Kabinett", zu dem auch Größen aus PRD und PRI gehören sollen. Aber erstmal solle Cárdenas seine Kandidatur zu seinen Gunsten zurückziehen, fordert Fox vor 12 000 Sympathisanten in der Stierkampfarena von Queretaro. "Der hat nämlich sowieso schon verloren." Die Menge jubelt, schwört vollen Einsatz im "Kampf um Mexiko", und Fox eilt zum Wahlkampfbus, bevor ihm die Liebe seiner Anhänger gefährlich wird. Auf der Rückfahrt nach Mexiko-Stadt rufen sie ihm hinterher: "Hoy, Hoy" und "du schaffst es, Vicente".

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