Präsidentenwahl : Wenn Promis Politik machen

Gesine Schwan telefoniert einem Handball-Trainer hinterher. Die CSU will nichts mehr von Gloria von Thurn und Taxis wissen, seitdem diese vor fünf Jahren Schwan und nicht Köhler wählte. Die CDU vertraut dagegen bei dieser Wahl einer Boxerin. Zum Unsinn der Promi-Wahlmänner.

Michael Schlieben

Nein, von Heiner Brand gibt es immer noch nichts Neues. Der Handball-Nationaltrainer ist einer der größten Unsicherheitsfaktoren im Hinblick auf die Präsidentenwahl am kommenden Samstag. Brand ist als Wahlmann von der nordrheinwestfälischen SPD nominiert worden. Natürlich waren alle davon ausgegangen, dass der Mann mit dem großen Schnauzbart der SPD-Kandidatin Gesine Schwan sein Kreuzchen geben werde.

Vorige Woche aber schockte Brand das Schwan-Lager. Dem ZDF sagte er, er wolle sich nicht auf die Wahl Schwans festlegen. Er hege durchaus Sympathien für Horst Köhler – und habe "eigentlich nie gesagt, dass ich Frau Schwan wählen" werde, so Brand. So eine Wahl sei doch "Privatsache".

Der Sprecher der NRW-SPD bestätigt im Gespräch mit ZEIT ONLINE, dass man dem Trainer, der ein alter Bekannter der Landeschefin Hannelore Kraft ist, tatsächlich "nicht hinterher telefoniert" habe, um seine Gesinnung zu überprüfen. Auch jetzt lasse man ihn in Ruhe. "Er ist seiner Entscheidung frei – und wird das Richtige tun", sagt der Sprecher.  

Nicht ganz so entspannt sieht die Brand-Causa die Kandidatin selbst. Kein Wunder: Am Samstag könnte es auf jede einzelne Stimme ankommen. Die Mehrheit der Bundesversammlung liegt bei 613 Stimmen. Union und FDP kommen zusammen bloß auf 604 Stimmen. Zwar haben auch die zehn Wahlmänner der Freien Wähler angekündigt, Köhler zu wählen, was dann knapp reichen könnte. Dennoch hat Schwan, die auf Abweichler aus dem Union/FDP/Freie-Wähler-Lager hofft, keine Stimmen zu verschenken.

Also bemühte sich ihr Team intensiv um ein persönliches Gespräch mit dem Handball-Trainer. Leider hatte Brand wenig Zeit. Letztlich, so schreibt die Süddeutsche Zeitung, musste Schwan extra morgens um sechs aufbrechen, um eine Audienz zu bekommen.

Über das Ergebnis dieses Gesprächs sprechen beide Seiten nicht. Ein Schwan-Vertrauter will noch nicht einmal bestätigen, dass es überhaupt stattgefunden hat. Nur so viel: "Niemand bedrängt Heiner Brand", sagt er. Brand selbst sei bis Samstag nicht zu erreichen, teilt die Sportagentur mit, die Brand vertritt.

Brand ist nicht der einzige Prominente, der am Samstag den Bundespräsidenten mitwählt. Fast alle Parteien haben Nicht-Politiker nominiert: Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu tritt für die Grünen an, die Fußballerin Martina Müller für die SPD, die Boxerin Regina Halmich für die CDU. Selbst die Linkspartei schickt den Schauspieler Uwe Steimle ins Rennen, einen Freund und Kollegen ihres Kandidaten Peter Sodann.

Was soll das? Warum vertrauen die Parteien ausgerechnet bei der Wahl des höchsten deutschen Staatsamtes auf Kampfsportlerinnen und TV-Kommissare? Also auf Menschen, für die Parteidisziplin und Fraktionszwang Fremdwörter sind? Nehmen sie die Wahl nicht ernst?

Im Gegenteil. Offiziell lautet die Begründung: Die Bundesversammlung sei ein Akt repräsentativer Staatsbürgerkunde. Anders als in den USA oder Frankreich wird der deutsche Bundespräsident ja bekanntlich nicht vom Volk gewählt. Die prominenten Wahlmänner böten da wenigstens die Möglichkeit, ein bisschen Volkstümlichkeit zu garantieren. Die NRW-SPD hat sich zum Beispiel gefragt: "Wer repräsentiert gut die Gesellschaft?" oder: "Wer hat eine Nominierung verdient?", berichtet der Sprecher. Und die wurden dann angefragt.

Natürlich aber hoffen die Parteien auch, dass die Sympathie, die die Berühmtheiten genießen, auf sie abstrahlt. Bezeichnenderweise begann die ganze Promi-Nominiererei in dem Jahr, als es bei der Bundespräsidentenwahl um nichts ging. 1989 trat einzig Richard von Weizsäcker an. Auch SPD und FDP unterstützen den in der Bevölkerung beliebten CDU-Politiker. Deshalb konnten es sich die Parteien leisten, auf linientreue Wahlmänner zu verzichten.

Die SPD nominierte damals den Kabarettisten Dieter Hildebrandt. Die CDU konterte, indem sie den Fußballer Pierre Littbarski für sich gewinnen konnte. Dem Kölner Dribbelkönig war sein politisches Coming-Out damals etwas unangenehm. Er betonte im Nachhinein, dass er "da nur mitgemacht" habe, "weil das Ergebnis schon feststand". Hildebrandt und Littbarski, beide wählten artig von Weizsäcker.

Letztlich sei ein solch diszipliniertes Wahlverhalten typisch für Polit-Amateure, sagt der Bonner Politikwissenschaftler Gerd Langguth. Die meisten würden sich ihren Gastgebern und der ehrenvolle Aufgabe sehr verpflichtet fühlen. Er wette, dass die Abweichler auch diesmal eher aus den Reihen der Parteiabgeordneten kommen, sagt Langguth.

Allerdings haben manche Parteien auch schlechte Erfahrung mit den populären Wahlhelfern gemacht. Die CSU zum Beispiel. Sie nominierte vor fünf Jahren Gloria von Thurn und Taxis. Die Fürstin aus der Oberpfalz wählte allerdings nicht Köhler, sondern Schwan und räumte das freimütig ein. Die CSU hat daraus Konsequenzen gezogen: Die Gräfin wird seither nicht mehr auf bayerische Empfänge eingeladen. Und, allgemein was Promis angeht, gibt sich die CSU inzwischen ziemlich spießig: Sie nominierte "keine Paradiesvogel", so nannte es der Parteichef Horst Seehofer, sondern nur noch bewährte Kommunal- und Landespolitiker.

Damit klang er ähnlich sauertöpfisch wie der frühere CSU-Bundestagsvizepräsident Richard Stücklen, der im Littbarski/Hildebrandt-Jahr 1989 furchtbar über den "Firlefanz" mit "Elementen aus dem Showgeschäft" schimpfte. Dabei verschwieg Seehofer, dass die CSU beim letzten Mal noch gern etliche Stars aufbot (u.a. die Sportler Rosi Mittermeier und Karl-Heinz Rummenigge). Merke also: Je knapper die Mehrheit ist, desto eher halten die Parteien den Glamour-Faktor für entbehrlich.

Auch die FDP verzichtet weitgehend auf Stars bei der Bundesversammlung. Allerdings aus anderen Gründen: Ihr Sprecher weist darauf hin, dass seine Partei ohnehin nicht allzu viele Plätze zu vergeben habe (nämlich: 107). Da nominiere man lieber verdiente Landtagsabgeordnete, die sich eine "Auszeichnung" verdient hätten. Eine Art freidemokratischer Wettbewerb, nach dem Motto: die FDP sucht den Super-Wahlmann. So erspart man sich wenigstens den Ärger mit Sportlern oder Künstlern, die sich vorrangig ihrer "Privatmeinung" verpflichtet fühlen.

ZEIT ONLINE

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