Politik : "Prager Frühling": Vom Traum zum Trauma

Alexander Loesch

Haben die deutschen 68er gegenüber dem "Prager Frühling" versagt? Den Sozialismus, den Rudi Dutschke meinte, wollten die jungen Tschechen und Slowaken damals nicht. Und die parlamentarische Demokratie, die sie wollten, war dem deutschen Studentenführer wiederum zu gestrig. Dieser Gegensatz prägte die selektive Wahrnehmung des "bürgerlichen Experiments" in der damaligen CSSR durch die jungen Westdeutschen.

Der "Sozialismus mit menschlichem Antlitz", wie ihn die CSSR-KP unter Alexander Dubcek versucht hatte, weckte hingegen Hoffnung auf mehr Freiheit in der DDR. Nur eines war den Deutschen aus Ost und West und den Tschechen und Slowaken gemeinsam: der Schock über den Warschauer-Pakt-Einmarsch in Prag am 21. August 1968. Für die Menschen in der DDR "war es der Beginn einer langen Depression". So formuliert es die frühere Dissidentin und heute Stasi-Akten-Beauftragte Marianne Birthler bei einer Diskussionsrunde in der Berliner Evangelischen Akademie.

"Vom Traum zum Trauma" hieß das Motto, unter dem nun (gesamt-)deutsche und tschechische 68er ihre durch das gewaltsame Ende der Prager Reformen beeinflussten Biografien aufrollten. Für Emotionen sorgte dabei schon die einstige Aktivistin des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), Sibylle Plogstedt, mit Lesungen aus ihrem soeben erschienen Buch "Im Netz der Gedichte - Gefangen in Prag nach 1968". Damals - kurz nach ihrer Freilassung und Rückkehr in den Westen - hatte Plogstedt Schwierigkeiten, ihre traumatischen Erlebnisse publik zu machen. Anfang der 70er war es der Widerstand ihrer ehemaliger SDS-Mitstreiter, denen eine politische Gefangene unter KP-Regime nicht ins Konzept passte; man befasste sich lieber mit Vietnam oder Lateinamerika. Ende der 90er, als die Autorin einen Verleger suchte, lautete die abwehrende Frage: Ob solche Story von vorgestern ein breiteres Publikum noch interessiere?

Plogstedt war erst Mitte der 90er Jahre psychisch in der Lage, ihre Erlebnisse aus der Prager Haft umfassend niederschreiben. Den Anfang dieser Psychoanalyse in Eigenregie bildete ein 80-Seiten-Brief an ihren einstigen tschechischen Lebensgefährten Petr Uhl. Beide wurden 1969 als Linksabweichler verurteilt. Plogstedt blieb drei Jahre im Gefängnis, Uhl insgesamt neun. Sie war damals mit einer psychisch Kranken eingesperrt gewesen, um sie selbst in den Wahnsinn zu treiben. Schließlich gab sie nach und zeigte sich mit einer Abschiebung einverstanden. Das war auch der Zweck dieser Psychofolter. Sie wollte doch in Prag und bei Uhl bleiben. Die Entlassung in den Westen zusammen mit einem Einreiseverbot in der CSSR haben die beiden als Lebenspartner für immer getrennt.

Die Metamormphosen der linken Haltung zum Realsozialismus zeigte Plogstedts Hinweis auf ihren früheren Genossen Christian Semler. Dieser unternahm noch 1969 für sie und Uhl in Prag einen Rettungsversuch. Die Veröffentlichung eines Textes über ihre Erlebnisse aus der kommunistischen Haft wollte er in den 70ern aber verhindern. Später, als "taz"-Journalist, gehörte er wiederum zu den wenigen namhafteren westdeutschen Linken, der sich gegen die Unterdrückung im Osten wandte. Bei vielen der 68er führte der Weg von einstigen linken Jusos über K-Gruppen und Grüne bis hin zur CDU.

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