Politik : Preisverleihung: Die Last der Ehre

Jost Müller-Neuhof

Es ist schwierig geworden, Helmut Kohl zu ehren. Zurzeit spürt dies die Uni Marburg. Ihre rechtswissenschaftliche Fakultät will dem Altkanzler den mit 10 000 Euro dotierten Savigny-Preis verleihen. Jetzt hat sie deswegen Ärger am Hals.

Der Jura-Dekan der in den 70er Jahren noch als "rote Kaderschmiede" gescholtenen Hochschule hat die Entscheidung für Kohl nach Informationen der "Frankfurter Rundschau" einsam getroffen. Steffen Detterbeck, Professor für Öffentliches Recht, hat sich damit offenbar an den universitären Vorschriften vergangen. Er hätte zuvor die Genehmigung des Fachbereichsrates einholen müssen. Zudem sind ganz wie damals die Studenten auf den Barrikaden. Sie finden die Wahl Kohls unerhört. Schließlich habe er sich bei den Parteispenden alles andere als rechtstreu verhalten.

Das Untreue-Verfahren gegen Kohl ist im März gegen Zahlung von 300 000 Mark eingestellt worden. Bleibt der Vorwurf, er habe gegen das Parteiengesetz verstoßen, weil er die Namen der Spender für sich behielt. Diesen Vorwurf hat Kohl nie abgestritten. Er hatte den anonymen Gebern sein Ehrenwort gegeben. Der Pater Basilius Streithofen sprang dem Kanzler damals bei. Ein Ehrenwort sei eben höheres Naturrecht. Es stehe über dem gesetzlichen Recht.

Damit bekommt die Marburger Angelegenheit eine philosophische Dimension. Der praktizierende Naturrechtler Kohl - gewürdigt mit dem Savigny-Preis? Friedrich Carl von Savigny, der große deutsche Rechtslehrer des 19. Jahrhunderts, begründete die so genannte historische Schule und gilt mit seinem Rückgriff auf das römische Recht als einer der geistigen Väter des Bürgerlichen Gesetzbuchs. Das Naturrecht hat er in seiner Lehre jedoch ausdrücklich bekämpft. Recht war bei ihm, was als Recht überliefert war. Vor allem aus dem alten Rom. Mit Helmut Kohl verbindet Savigny deshalb nichts. Außer vielleicht dieser Meinung: Dass früher vieles besser war.

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