Politik : Prodi wehrt sich gegen "dumme Lügen"

Thomas Gack

Romano Prodi ist sauer. Der Präsident der EU-Kommission fühlt sich von den Medien schlecht behandelt. Seit Tagen muss er vor allem in der deutschen und der britischen Presse lesen, er sei ein "Problemfall" für die EU, er sei schwach, taten- und gesichtslos, ohne Stimme und Gewicht, und werde von den Regierungschefs in seinem Amt auf schmähliche Weise demontiert.

Tatsächlich ist die Brüsseler Politik seit dem 11. September in den Schatten der Vorgänge geraten, die sich andernorts abspielen. In Ermangelung handfester Ereignisse in Brüssel machten darauf einige Blätter den seltsam blass wirkenden Kommissionspräsidenten zum Thema - und traten damit eine Lawine von hämischen Kommentaren und Berichten los: Die Entdeckung der "Prodi-Krise" in Zeiten des Krieges. Deutsche TV-Korrespondenten, bunte Magazine und Zeitungen schossen sich auf den Italiener ein, der sich mit seiner notorischen Unbeholfenheit bei öffentlichen Auftritten geradezu als Zielscheibe anbot. Diese Woche nun trat Prodis Pressesprecher, der Brite Jonathan Faull, zum Gegegenangriff an: Die bösen Geschichten über den Präsidenten seien "totaler Unsinn", geradezu "dumme Lügen" und zudem "alte Mären", hartnäckig in den Blättern nachgeplappert.

Wer das herbstliche Rauschen im europäischen Blätterwald mit kritischem Gehör auf sich wirken lässt, dem drängt sich tatsächlich der Verdacht auf, dass Prodi zum Opfer einer Eigendynamik der Prodi-Berichterstattung geworden ist: Einer schreibt vom anderen ab. Wie vor einem Jahr, als Prodi schon einmal in der Presse zum Prügelknaben gemacht wurde, werden kleine peinliche Anekdoten aufgetischt, ("Prodi fehlt bei der Pressekonferenz in Gent").

Vieles ist schlicht falsch: Prodi umgibt sich keineswegs nur mit Italienern. Er hat bei seinem Amtsantritt sogar dafür gesorgt, dass die Kabinette der Kommissare stärker national gemischt wurden als bisher üblich. Tatsache ist allerdings auch, dass der Präsident der EU-Kommission in den vergangenen Wochen blass und schweigsam wirkte. Er fehlte im weltpolitischen Rampenlicht, als in London und Berlin ein flammendes Bekenntnis zur Solidariät mit den USA das andere jagte.

Wer diese Zurückhaltung des Brüsseler Kommissionspräsidenten jedoch als Versagen bezeichnet, der verkennt schlicht und einfach die politischen Tatsachen: Die EU-Kommission hat in Zeiten des Krieges keine - oder ganz wenige - Kompetenzen.

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