Politik : Proteste weiten sich aus

Die Jugend Brasiliens geht auf die Straße – Politiker äußern Verständnis, schicken aber auch Soldaten.

Wut der Jugend. Wie hier in Belo Horizonte protestieren im ganzen Land Zehntausende gegen soziale Missstände und die hohen Kosten der Fußball-WM. Foto: Douglas Magno/AFP
Wut der Jugend. Wie hier in Belo Horizonte protestieren im ganzen Land Zehntausende gegen soziale Missstände und die hohen Kosten...Foto: AFP

Rio de Janeiro - Auch am Mittwoch demonstrierten in Brasilien wieder Tausende für ein gerechteres Land. Schon am frühen Morgen blockierten hunderte Menschen Einfallstraßen in die Metropole Sao Paulo. Rund um die Millionenstadt Belo Horizonte besetzten Protestierer die Bundesstraße BR 40. In Fortaleza kam es vor dem Fußballstadion, in dem am Nachmittag das Confederations-Cup Spiel zwischen Brasilien und Mexiko stattfinden sollte, zu Auseinandersetzungen zwischen mehr als 15 000 Demonstranten und der Polizei.

Bereits am Dienstagabend waren in Sao Paulo rund 50 000 Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die Fahrpreiserhöhung für städtische Busse sowie zahlreiche andere Missstände im Land zu demonstrieren. Wieder war darunter eine randalierende Minderheit, die versuchte ins Rathaus einzudringen. Als dies nicht gelang, steckten sie einen Übertragungswagen des Fernsehens und Bankfilialen in Brand. Auch Geschäfte wurden geplündert. Der Großteil der Demonstranten distanzierte sich von den Randalierern, unter denen man neben radikalen Linken auch eingeschleuste Provokateure vermutet werden. In 30 kleineren Ortschaften demonstrierten ebenfalls Tausende für ein anderes Brasilien.

Die landesweite Protestwelle hatte am Montag begonnen, als in Dutzenden Städten mindestens eine Viertelmillion Menschen auf die Straße gegangen war. Allein in Rio de Janeiro waren es konservativen Schätzungen zufolge 100 000. Mittlerweile solidarisieren sich nicht nur berühmte Musiker wie Caetano Velos oder Marisa Monte mit den Demonstranten, sondern auch die Fußballer der Nationalmannschaft. Der Star des Teams, Neymar, schloss sich seinen Kollegen Dani Alves, Hulk, David Luiz und Dante an. Er sagte: „Auch ich will ein gerechteres, sicheres, gesünderes und ehrlicheres Brasilien.“

Die Politik reagiert verständnisvoll bis demütig auf die Proteste, die in diesem Ausmaß niemand erwartet hatte. São Paulos Bürgermeister Fernando Haddad kündigte eine Rücknahme der Preiserhöhungen für Bustickets an. Die Präfekten in zehn weiteren brasilianischen Städten, darunter neun Landeshauptstädte, wollen es ihm gleichtun. Rios Bürgermeister Eduardo Paes will sich vor einer Entscheidung mit den Demonstranten treffen. Dabei ist unklar, wen er meint, denn die Proteste finden spontan statt. Sie haben keine Repräsentanten.

Zudem richten sich die Demonstranten mittlerweile nicht mehr nur gegen hohe Buspreise, sondern gegen die Milliardenausgaben für die Fifa-Fußball-WM, die verbreitete Korruption in Politik und Wirtschaft sowie die Ungleichverteilung des Wohlstands. Die Hauptforderung der Demonstranten lautet: Unsere Steuern sollen für Bildung, Gesundheit, öffentliche Sicherheit und bessere Transportnetze ausgegeben werden.

Am ehesten scheint dies Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff verstanden zu haben. Sie versprach am Dienstag, dass die „Stimmen der Straße“ gehört würden. Ihre Regierung habe Millionen aus der absoluten Armut geholt und die Mittelklasse vergrößert. Nun hätten die Menschen das Recht, mehr zu fordern. Auch die großen Medienhäuser des Landes vollzogen nach den Massendemonstrationen Kurskorrekturen. Anstatt nur Bilder von Ausschreitungen am Rande zu zeigen, beschäftigt man sich nun auch mit den Motiven der Demonstranten.

Für Donnerstag sind in Dutzenden brasilianischen Städten weitere Proteste geplant. In Rio will man eine Million Menschen auf die Straße bringen. Der Marsch soll zum Maracana-Stadion führen, wo zeitgleich das Confederations-Cup-Spiel zwischen Spanien und Tahiti stattfindet. Zum Schutz dieses sowie anderer Spiele des Turniers, das völlig in den Hintergrund gerückt ist, hat die Regierung Truppen der Spezialeinheit Força Nacional entsandt. Philipp Lichterbeck

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