Prozess in Dresden : Nicht nur Lob für das Marwa-Urteil

In der arabischen Welt wurde das Urteil im Dresdner Marwa-Prozess positiv aufgenommen. Doch Ägyptens Öffentlichkeit kritisiert, dass nicht die Todesstrafe verhängt wurde.

Andrea Dernbach,Andrea Nüsse

Berlin - Die offiziellen Reaktionen in Ägypten und der arabischen Welt auf das Urteil von Dresden gegen den Mörder der Ägypterin Marwa Sherbini waren positiv. „Dass die Maximalstrafe verhängt wurde, sagt viel“, meinte der ägyptische Botschafter in Deutschland, Ramzy Ezzeldin Ramzy, der dem Prozess beiwohnte. Auch im staatlichen Fernsehen Nile TV versuchten die Behörden, das Urteil einzuordnen. „Es ist fair“, sagt dort der Rechtsprofessor Ahmed Refaat von der Universität Port Said. Er zeigte sich erleichtert darüber, dass das Gericht nicht bereit war, aus psychologischen Gründen eine verminderte Schuldfähigkeit zu akzeptieren. In den arabischen Medien war über diesen Aspekt, der am vorletzten Verhandlungstag neues Gewicht bekam, breit berichtet worden.

Doch in der breiten Öffentlichkeit wird das Urteil im Fall der sogenannten Schleiermärtyrerin, wie die ermordete Ägypterin genannt wird, teilweise als zu milde angesehen – aus Ignoranz, dass die Dresdner Richter die Höchststrafe verhängen – lebenslang – und ausschlossen, dass Alex. W. bereits nach 15 Jahren einen Antrag auf Haftentlassung stellen kann. In Blogs, Anrufen in Talkshows und Interviews kritisieren zahlreiche Ägypter, dass nicht die Todesstrafe verhängt wurde. Sie ist im ägyptischen Strafsystem die Höchststrafe. Die Idee, dass eine Gesellschaft auch Verbrecher mit Gnade behandelt, ist dort fremd. „Leider“, sagt Nashwa El Hofy, Reporterin der nichtstaatlichen Kairoer Zeitung „Al Masry Al Youm“, die zur Berichterstattung über das Urteil in Dresden war, „sind arabische Medien, egal ob in Ägypten, Saudi-Arabien oder Kuwait, eher auf Aufregung aus als darauf, ihren Lesern Dinge zu erklären. So versäumen sie es auch hier, den Richterspruch von Dresden verständlich zu machen.“ So entstehe auch der Eindruck, dass das Urteil anders ausgesehen hätte, wenn ein nichtmuslimischer Deutscher eine nichtmuslimische Deutsche in dieser Weise getötet hätte. Auch der Korrespondent des pan-arabischen Fernsehsenders „Al-Jazeera“, Nadim Baba, hat mit diesem „Übersetzungsproblem“ zu kämpfen. Er betont, „dass die Richter deutlich machten, dass es sich um ein äußerst brutales Verbrechen handelt“. Er glaubt, dass trotz des Urteils der Eindruck, Deutschland sei islamfeindlich, nicht rasch verschwinden werde.

Allerdings wurde auch in Internet und in Medien dieser gängigen These widersprochen. Es wurde analysiert, dass die ägyptische Debatte überlagert wurde vom eigenen politischen Kampf zwischen Muslimbrüdern und Regime. Die Muslimbrüder hatten den Fall Marwa sehr hoch gehängt, um damit ihr Profil als Fürsprecher aller Muslime zu schärfen.

Als die Demonstrationen in Alexandria zu groß und lautstark wurden und zu einer Machtdemonstration gegen das Regime zu werden drohten, fuhren die staatlichen Medien und insbesondere die Talk-Shows das Thema drastisch herunter. Denn die fast täglichen Meldungen, wie ägyptische Staatsbürger und Arbeiter in Ländern wie Saudi-Arabien oder den Golfstaaten schlecht und willkürlich behandelt werden, ohne dass ihre eigene Regierung sie schützt, setzen das Regime in Kairo unter Druck. Die heftigen Reaktionen im Fall Marwa sind zumindest teilweise vor diesem Hintergrund zu sehen.

Mazen Hassan, Berliner Korrespondent der halbamtlichen Zeitung „Al Ahram“, glaubt, dass das Interesse am Fall Marwa, leicht abgeschwächt, bleiben wird. Die Verfahren gegen den Richter jener Verhandlung, an deren Ende Marwa el-Sherbini erstochen wurde, und den Polizisten, der irrtümlich ihren Ehemann ins Bein schoss, seien noch nicht verhandelt. „Man wird weiter auf Deutschland sehen.“ In Ägypten sei aber angekommen, wie schnell das Urteil gegen ihren Mörder fiel – und das werde geschätzt.

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