Politik : Putin in Berlin: Berechtigtes Misstrauen - noch (Kommentar)

cvm

Wladimir Putin hat vor allem sein Hauptthema im Blick: werben um die deutsche Industrie. Ohne ausländisches Kapital kann er Russland nach Rubelsturz und Wirtschaftskrise schwerlich auf die Beine helfen. Doch schneller als gedacht holte ihn die Verhaftung des oppositionellen Medienzaren Gussinski ein. So haben sich Demokraten die von Putin propagierte "Diktatur des Rechtsstaates" nicht vorgestellt. Der neue Präsident kämpft gegen ein doppeltes Vertrauensdefizit an: das selbst geschaffene, durch den Krieg in Tschetschenien und die bereits unter Jelzin gewachsene Skepsis, ob Russland zu konsequenten Reformen fähig ist. Es hat schon seine Gründe, dass im deutschen Osthandel allein der Austausch mit Russland dramatisch zurückgegangen ist, während der Umsatz mit Polen, Tschechien, Ungarn und dem Baltikum wächst. Wenn Putin nun sagt: Ich verwirkliche, was Jelzin immer nur versprochen hat - Rechtssicherheit, Investitionsschutz, Kampf der Korruption und, vor allem, nicht ständig wechselnde Steuerauflagen -, dann muss er eine gehörige Portion Misstrauen überwinden. Und Geduld haben. Putin scheint das zu wissen. In Deutschland zeigt er ein neues Gesicht: Nicht mehr der Spion, der aus der Kälte kam, kein verschlossener Apparatschik, sondern ein umgänglicher, teils sogar witziger Plauderer. Sein gutes Deutsch setzt er dabei gezielt ein. Doch verlorenes Vertrauen gewinnt man nicht an zwei Tagen zurück. Mit seinem gewinnenden Auftreten hat Putin die Chance dazu eröffnet. Überzeugen kann er aber nur mit Taten, dass er ein Demokrat und Russland offen für Investoren ist.

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