Raketenschirm : Polen enttäuscht über Obamas Kehrtwende

Verzicht auf Raketenabwehr stößt auf heftige Kritik: Polen fühlt sich verraten.

Knut Krohn[Warschau]

 „Die USA haben uns an Russland verkauft und uns den Dolch in den Rücken gerammt“, kommentiert das Boulevard- Blatt „Fakt“ (das übrigens dem deutschen Axel-Springer-Verlag gehört) den Verzicht der USA auf den Bau der Raketenabwehr. Mehr noch als der Stopp des Projektes schmerzt in Warschau aber die Gewissheit, lange in einem politischen Irrglauben gelebt zu haben. Man wähnte sich als „erster Partner“ Amerikas in Europa, nun weiß man es besser. Warschau zögerte einst nicht, im Irakkrieg an die Seite Washingtons zu treten; vergebens wartet Polen bis heute auf eine Gegenleistung. Ein Fingerzeig wäre die Aufhebung der Visapflicht gewesen – er kam nicht.

Welchen Stellenwert Polen in der Diplomatie der Supermacht einnimmt, deutete sich bereits vor zwei Wochen bei der Gedenkfeier zur Erinnerung an den Beginn des Zweiten Weltkrieges an. Europa und selbst Russland schickten zu dem Staatsakt die ersten Vertreter – die USA die dritte Garde. Jetzt also die nächste Demütigung: Der treue Verbündete wird nachts am Telefon davon informiert, dass eines der wichtigsten militärischen Projekte des Landes in der Schublade verschwindet. Selbst Präsident Lech Kaczynski, dem immer wieder Hörigkeit gegenüber den USA vorgeworfen wird, hält die Entscheidung für einen „historischen Fehler“. Natürlich suchen er und die nationalkonservative Opposition die Schuld auch bei der polnischen Regierung. Doch niemand kann sagen, was Premier Donald Tusk hätte anders machen sollen. Der Hinweis, zu lange mit der Ratifizierung des Vertrages mit den USA gezögert zu haben, ist entkräftet. Denn auch Tschechien, wo die Parlamentarier ohne zu zögern zugestimmt hatten, wurde von der Entscheidung kalt erwischt. Außenminister Radoslaw Sikorski versuchte den Schaden zu begrenzen, indem er bemerkte, dass US-Außenministerin Hillary Clinton die Pläne für die Aufstellung von Patriot-Raketen in Polen nochmals bestätigt habe. Gleichwohl gebe es „keinen Grund, an die exklusive Rolle zu glauben, die US-Präsident Barack Obama dem polnischen Premier Tusk versprochen hat“, schreibt das Blatt „Dziennik“. „Umso mehr sollten wir uns auf Europa konzentrieren.“ Europa könnte also vom Ende des polnischen Traumes profitieren.

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