Politik : …Rattenberg aus dem Schatten tritt

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Noch ist ja kein MozartJahr, das beginnt erst 2006. Und deswegen haben sich die Österreicher für diesen Herbst ein besonders eigenwilliges Kultur-Spektakel ausgedacht, um die schreckliche Wartezeit bis zum Amadeus-Inferno zu überbrücken. In Rattenberg am Inn werden gut 450 Laiendarsteller vor den Augen der Weltöffentlichkeit Platons Höhlengleichnis inszenieren.

Was bisher geschah: In Rattenberg scheint jedes Jahr von November bis Februar keine Sonne, das Dorf versinkt im Winter in einen Dämmerzustand. Eine ungünstig gelegene Erhebung ist schuld daran, dass während der Wintermonate jeder fünfte Rattenberger über schlimme Depressionen klagt. Das geht mindestens schon seit 1254 so. Damals wurde Rattenberg zum ersten Mal urkundlich erwähnt, die Zeiten waren hart, und Lichtmangel war damals eher ein Luxusproblem. Über die Jahre, so heißt es, haben die depressiven Tendenzen sich tief in das kollektive Gedächtnis Rattenbergs gefräst.

Jetzt wird die Gemeinde schon wieder zum Gegenstand öffentlichen Interesses. Die Rattenberger wollen nämlich heraus aus ihrer Höhle; sie wollen die Ketten sprengen, mit denen sie an den idyllischen, aber wintertags matten Marktflecken gefesselt sind. Sie haben vor, für zwei Millionen Euro Spiegel („Heliostaten“) zu kaufen und diese so aufzustellen, dass Sonnenstrahlen „an zehn ausgewählte Punkte im Dorf“ reflektiert werden – ein bescheidenes Konzept, das übrigens auch für die dünnhäutigen Berliner Hinterhof-Bewohner interessant sein könnte.

Nee, schon klar, ohne Sonne geht nichts. Aber was passiert mit Rattenberg, wenn dort inmitten finsterster Finsternis wahllos zehn Orte bestrahlt werden? Wie wird die Interessenvertretung Rattenberger Solarien reagieren? Werden sich nur die Frauen der reichen Rattenberger Industriellen ab und zu eine ausgiebige Lichtdusche leisten können? Oder wird Rattenberg durch den zu erwartenden Brennglaseffekt einfach in Flammen aufgehen, ja, im Thomas Bernhard’schen Sinne ausgelöscht werden? Darüber wird in Rattenberg nicht nachgedacht. Euphorischer Überschwang ist für den Österreicher ein ungewohnter Zustand. Wo viel Licht ist, ist eben auch viel Schatten.

Das ahnte bereits der ausgewiesene Österreich-Kenner Platon. Sein Höhlenmensch entschied sich, nachdem er die sonnenverwöhnte Erdoberfläche betreten und behutsam inspiziert hatte, für das bewährte Leben in Ketten, in der heimeligen Dämmerung der Höhle. Vielleicht hatte seine Frau dort eine vorweihnachtliche Lichterkette aufgehängt. oom

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