Raul Castro : Plötzlich die Nummer eins

Fast ein halbes Jahrhundert stand er im Schatten seines großen Bruders und folgte ihm als ewige Nummer zwei. Jetzt, im Alter von 75 Jahren, ändert sich für Raul Castro alles.

Havanna - Wegen der schweren Erkrankung seines älteren Bruders, des kubanischen Staatschefs Fidel Castro, hat Raul nun vorübergehend die Macht in Kuba übernehmen müssen. Seit Jahren schon hatte Fidel Castro seinen fünf Jahre jüngeren Bruder als Nachfolger angepriesen. Wie auch immer sich der Gesundheitszustand Fidel Castros entwickelt: Raul muss nun aus dem Schatten des «máximo lider» heraustreten - und die Welt blickt gebannt auf die weitere Entwicklung des kommunistischen Karibikstaates, der seit Jahrzehnten mit den USA im Dauerclinch steht.

Bisher hatte sich Raul Castro immer diskret im Hintergrund gehalten und in den nunmehr 47 Jahren seit dem Umsturz in Kuba die Vize-Titel als stellvertretender Vorsitzender des Staatsrats und stellvertretender Vorsitzender der Kommunistischen Partei Kubas gesammelt. Als Verteidigungsminister allerdings ist er schon lange für die kubanischen Streitkräfte verantwortlich.

Schon rein äußerlich sind die beiden Brüder sehr verschieden: Raul, von kleiner Statur und mit dünnem Schnurrbart, Fidel groß und mit Vollbart. Und während das Charisma und die Marathonreden Fidels berüchtigt sind, hat sich Raul bisher stets als schlechter Redner hervorgetan, der gut beraten war, sich im Hintergrund zu halten. Aber trotz ihrer Verschiedenheit war die Beziehung zwischen den beiden Brüdern immer eng.

Schon früh nahm sich Fidel seines jüngeren Bruders an, der am 3. Juni 1931 in der südostkubanischen Ortschaft Biran zur Welt kam. Fidel setzte durch, dass sein Bruder die gleichen wirtschaftswissenschaftlichen Studien an den besten Jesuiten-Kollegs des Landes absolvierte. Nach mehr als 40 Jahren als unangefochtene Nummer eins Kubas machte Fidel seinen Bruder öffentlich zu seinem Kronprinzen. «Ohne Zweifel ist er der Kamerad, der nach mir über die größte Autorität und Erfahrung verfügt», sagte Fidel im Jahr 2001. «Er besitzt alle Qualitäten, um mein Nachfolger zu werden.»

Raul Castro gilt als pragmatischer

Unter Raul Castros Führung als Verteidigungsminister entwickelte sich die kubanische Armee in den vergangenen Jahren zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor; so kontrolliert die Armee über die Gruppe Gaviota den größeren Teil des Hotelgewerbes auf der Insel. Oft wird Raul als pragmatischer eingeschätzt als sein Bruder, und ihm wird der Sinn für Reformen nach chinesischem oder vietnamesischen Vorbild nachgesagt.

Zum Erzfeind Washington kultivierte aber auch Raul die erbitterte Frontstellung, selbst wenn er vor einigen Jahren einmal sagte, er wünsche sich eine Normalisierung der Beziehungen. Aber seine wahren Absichten bleiben im Dunkeln, nicht zuletzt weil Raul Castro Journalisten meidet wie der Teufel das Weihwasser; Vertreter der internationalen Presse beschimpfte er einmal als «Hurensöhne».

Kampf an Fidels Seite

Im Alter von 22 Jahren wandte sich Raul Castro vom Christentum seines Elternhauses ab und wurde überzeugter Kommunist. In jenem Jahr, 1953, war er am Anschlag auf die Moncada-Kaserne beteiligt, dem Ausgangspunkt des Guerillakrieges. Beide Brüder wurden inhaftiert, profitierten zwei Jahre später aber von einer Amnestie, die der Diktator Fulgencio Batista erließ. Von Mexiko aus gelangten sie mit einer Rebellengruppe im Dezember 1956 mit dem Motorboot «Granma» nach Kuba und starteten von der Sierra Maestra aus die Eroberung der Insel. 25 Monate später, am Neujahrstag 1959, gelang ihnen der Einmarsch in Havanna; Batista hatte sich ins Ausland abgesetzt.

Seine Angehörigen nennen den vierfachen Vater humorvoll und sprechen ihm Familiensinn zu. Anders als sein Bruder ist Raul Castro verheiratet, seit 1959 mit Vilma Espin, die sich damals den Revolutionären anschloss. Schon bisher nahm Espin inoffiziell die Rolle der kubanischen First Lady ein. Mit der schweren Erkrankung Fidel Castros fällt ihr diese Rolle nun auch «vorübergehend» offiziell zu. (tso/AFP)

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