Politik : Reaktionen auf den Terror: Das Ende der kleinen Geschäfte

Andrea Nüsse

Amman. Seit Sonntag wird in den USA offen über die schwierige Beziehung zwischen den USA und seinem engsten Allierten im Golf, Saudi-Arabien, diskutiert. Mindestens zehn der mutmaßlichen Attentäter vom 11. September waren saudische Staatsbürger. Die Beziehungen des Königshauses zu islamistischen Gruppen einschließlich der Taliban sind bekannt, und das Land weigert sich, den USA seine Luftbasen für Angriffe auf Afghanistan zur Verfügung zu stellen. Während US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld diese grundsätzlichen Probleme bei seinem Besuch in Riad in der vergangenen Woche unter den Teppich gekehrt hatte, um die Anti-Terror-Koalition nicht zu gefährden, legte die "New York Times" am Sonntag den Finger auf die Wunde: Sie forderte die US-Regierung auf, den "berechnenden Handel" zu überdenken, der Amerika seit Jahrzehnten billiges Öl verschafft und den Saudis den militärischen Schutz der USA gegen aggressive Nachbarn.

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Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags Die Zeitung wirft Saudi-Arabien vor, durch Geld, Arbeitskraft und Duldung terroristische Organisationen wie die Al Qaida unterstützt zu haben. Amerika habe Korruption und Menschenrechtsverletzungen stillschweigend übersehen, um weiter vom saudischen Öl und saudischen Investitionen in den USA zu profitieren. Die USA müssten das Königshaus dazu bringen, das Regierungssystem zu demokratisieren, die Korruption zu beenden und den Reichtum gerechter zu verteilen, heißt es in dem Beitrag. Gleichzeitig sollten die USA alternative Energiequellen ausbauen, um die Abhängigkeit von Saudi-Arabien einzuschränken.

Riad fordert Beweise

Saudi-Arabien reagierte am Montag ärgerlich. Innenminister Prinz Nayef sagte, die Kooperation Saudi-Arabiens mit Washington sei besser als umgekehrt. Er beschwerte sich nach Angaben der saudischen Nachrichtenagentur SPA darüber, dass die USA bisher noch immer keine Beweise für die Beteiligung saudischer Staatsbürger an den Anschlägen vom 11. September vorgelegt hätten. Außerdem forderte der Minister Beweise, bevor gegen angebliche Finanzquellen der Terroristen vorgegangen werde. Bisher hätten die USA den saudischen Behörden kein belastendes Material geliefert.

Der bisher unausgesprochene Unmut über die Politik des engsten Alliierten der USA im Golf erklärt wahrscheinlich auch die Reaktion des New Yorker Bürgermeisters Rudolph Giuliani. Er lehnte in der vergangenen Woche einen Scheck des saudischen Geschäftsmannes Prinz Walid über zehn Millionen Dollar ab. Walid ist ein Neffe von König Fahd. Die Zurückweisung des Schecks sei aus Protest darüber geschehen, dass Prinz Walid die USA nach seinem Besuch in New York aufgefordert hatte, ihre Nahostpolitik zu überdenken. Man mag das empörend finden - aber diese Forderung erheben alle arabischen Staatschefs bereits seit Wochen, als erster König Abdallah II. von Jordanien nur einen Tag nach den Anschlägen. Wohl deshalb hat die Zurückweisung des Geldes auch bei UN-Generalsekretär Kofi Annan "Erstaunen" hervorgerufen. Am Freitag sollen zudem Gelder eines saudischen Geschäftsmanns eingefroren worden sein, den die USA verdächtigen, islamistische Gruppen mit karitativen Einrichtungen unterstützt zu haben.

Zwar hat die US-Regierung die Behauptungen der Medien, Saudi-Arabien unternehme nichts im Kampf gegen die finanziellen Netzwerke der Terroristen, zurückgewiesen. Aber die "New York Times" hat mit ihrem Beitrag die grundsätzliche Debatte über die Beziehung zwischen Washington und Riad eröffnet. Damit steigt der Druck auf die Regierung in Washington, auch Alliierte wie Saudi-Arabien zu befragen, wie sie es mit der Duldung oder Unterstützung von Islamisten-Gruppen halten.

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