Politik : Rebellion des Mittelstands

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Von Matthias Thibaut, London

Mit der grazilen Leichtigkeit seiner zwei Zentner wischte Vizepremier John Prescott den Vorfall als „Lappalie“ vom Tisch. Drei Jahre vor dem Jubiläum seiner 50-jährigen Mitgliedschaft trat der ehemalige Schiffs-Stewart und Vorzeigelinke der Labour–Partei im Protest aus seiner Gewerkschaft aus. Die von dem militanten Linken Bob Crow geführte Gewerkschaft der Eisenbahner, Seeleute und Transportarbeiter (RMT) hatte ihm die Unterstützung entzogen – wegen „ungewerkschaftlicher Politik".

Die Gewerkschaften und Labour haben Spannungen. Am Mittwoch wollen zum ersten Mal seit 1979 die Arbeiter der Kommunen in den Streik treten – Totengräber und Rattenfänger, Altenpfleger und Müllarbeiter. Den 1,2 Millionen Niedrigverdienern sind drei Prozent Lohnerhöhung nicht genug. Das wird Erinnerungen an den „Winter des Missvergnügens“ mit seinen von Müll verstopften Straßen wecken. Es war das Chaos der damaligen Streikwelle, das 1979 die Ära Thatcher einleitete. Die Briten hatten von Labour genug. „Seit den dunkelsten Tagen des Thatcherismus waren unsere Mitglieder nicht mehr so wütend“, sagte ein Gewerkschafter.

Fünf Jahre lang trugen die Unions den rigorosen Sparkurs der Regierung mit. Nun wollen sie wissen, warum. Auf der Liste der Gewerkschaftsforderungen stehen Löhne, aber auch Arbeitsrecht und Renten. Insgeheim geht die Stoßrichtung des Protests aber gegen Labours viel beschworene und wenig greifbare Reform der öffentlichen Dienste, die, ohne sichtbare Erfolge, Jobs in den Privatsektor verlagert. Geoff Martin von der Londoner Dienstleistungsgewerkschaft NUPE: „Jahre aufgestauter Frustration über die Verschlechterung der Löhne und die ständige Drohung mit der Privatisierung haben zu wachsender Feindseligkeit gegenüber den Reformversuchen geführt.“

Nicht von ungefähr wurde die erste Streikwelle des Sommers in der Woche angesetzt, in der Schatzkanzler Brown den Haushaltsplan für die nächsten drei Jahre bekannt gibt, der Labours Reformweg zur nächsten Wahl absteckt. Doch Labours Probleme hören damit nicht auf. Auch bei den besserverdienenden Mittelschichten, die Tony Blair 1997 mit ihren Stimmen zur Macht verholfen haben, wird der Unmut lauter.

Unter Thatcher lernten sie, für sich selbst zu sorgen, und durften dafür mit niedrigen Steuern die Früchte ihrer Arbeit genießen. Aber Labour Schatzkanzler Brown zog ihnen seit 1997 durch Dutzende versteckter Steuererhöhungen rund 80 Milliarden Euro aus der Tasche. Nun wollen auch sie wissen, wofür. Hohe Studiengebühren, Chaos an den Schulen, Krise in Gesundheitsdienst und Altenpflege, ein marodes Verkehrssystem und nun auch noch eine Krise der Altersversorgung.

Dass der Londoner Aktienindex unter dem Wert liegt, den er bei Labours Amtsantritt hatte, ist symbolisch für das Gefühl verschwendeter Jahre. „Labour pumpt Geld in das schwarze Loch der öffentlichen Dienste, aber die Reform fehlt. Das wird zu schweren Wirtschaftsproblemen führen“, warnte der frühere Tory-Schatzkanzler Clarke. Dann würde es kalt für die Labour-Regierung – und sie hätte sich mit ihren beiden wichtigsten Wählergruppen überworfen.

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