Politik : Rechtsextreme inszenieren Bücherverbrennung

Bürgermeister in Sachsen-Anhalt sieht die Gesellschaft scheitern – an Vergangenheit und Gegenwart

Frank Jansen

Pretzien/Berlin - Uwe Hornburg ist seit 20 Jahren Staatsanwalt, doch nie zuvor hat ihn ein Fall derart erschreckt. „Ich kann mich nicht erinnern, so etwas je erlebt zu haben“, sagt er am Montag dem Tagesspiegel. Dabei ist am 24. Juni im Dorf Pretzien südöstlich von Magdeburg kein Mensch verletzt oder gar getötet worden. Aber Rechtsextremisten haben sich eine Provokation erlaubt, die nicht nur den Staatsanwalt entsetzt. Gegen 22 Uhr wurde auf einer Wiese, vor etwa 100 offenbar ahnungslosen Ortsbewohnern und Gästen einer Tanzveranstaltung „mit Sonnenfeuer“, die 1933 von den Nazis inszenierte Bücherverbrennung imitiert. In eine lodernde Säule aus Holz und Stroh warf ein Rechtsextremist erst eine US-Flagge, dann ein Buch. Nicht irgendeines – es war das weltweit bekannte Tagebuch der Anne Frank.

Das Werk eines jüdischen Mädchens, das sich im Zweiten Weltkrieg in Amsterdam vergeblich vor den Nazi-Schergen versteckt hatte und 1945 im KZ Bergen-Belsen starb, verschwand in Pretzien in den Flammen. Das Buch war, wie ein Augenzeuge der „Magdeburger Volksstimme“ berichtete, bereits zerfleddert. Die Rechtsextremisten hätten vor der Verbrennung damit Fußball gespielt. Als das Buch brannte, schritt die anwesende Mitarbeiterin des Ordnungsamtes Schönebeck ein und brach die „Sonnenwendfeier“ ab.

Jetzt ist in Sachsen-Anhalt und darüber hinaus Empörung zu hören. Als „Angriff auf die menschliche Kultur“ wertete Landesinnenminister Holger Hövelmann (SPD) die Buchverbrennung vergangenen Sonnabend im MDR. Am Freitag hatte bereits der Direktor des Anne- Frank-Zentrums in Berlin, Andreas Heppener, von einem „ungeheuerlichen Vorgang“ gesprochen und Strafanzeige gestellt. Am selben Tag bekundete der Vorstand der Linkspartei/PDS in Sachsen-Anhalt, er sehe „ein ernstes Zeichen für die Gefährdung der Zivilgesellschaft in unserem Land“. Die Partei trifft der Vorfall besonders hart – Pretziens Bürgermeister Friedrich Harwig, vor 48 Jahren in die SED eingetreten und auch nach der Wende ein treuer Genosse, war Zuschauer, als Anne Franks Tagebuch ins Feuer flog.

„So etwas passiert, weil wir in unserem Land die Vergangenheit nicht bewältigt haben“, sagt Harwig dem Tagesspiegel. Der Bürgermeister holt Luft, „und weil wir mit unserer Gegenwart nicht fertig werden“. Harwig beteuert, er habe jahrelang mit den jungen Rechtsextremisten seines Dorfes „gearbeitet“, um sie von ihrer Ideologie abzubringen. Der Bürgermeister versuchte einen Wandel durch Annäherung. Harwig machte im Pretziener Verein „Heimatbund Ostelbien“ mit, dessen Vorstand ein Ex-NPD-Mitglied dominierte und der zur Sonnenwendfeier eingeladen hatte. Nun sagt Harwig, er habe einen Rückschlag erlitten – und die politische Heimat verlor er auch.

Der Vorstand der Linkspartei/PDS forderte in seiner Erklärung Harwigs Austritt. „Dem bin ich nachgekommen“, sagt er. Aber auf den Posten des Bürgermeisters verzichte er nur auf Verlangen der Pretziner, doch die stünden hinter ihm. Der Heimatbund löste sich am Sonnabend auf. Staatsanwaltschaft und Polizei kommen bei ihren Ermittlungen wegen des Verdachts der Volksverhetzung nur mühsam voran. Ein Sprecher der Polizeidirektion Magdeburg sagt, „in Pretzien sind die Schotten dicht“.

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