Tödlicher Hass : 149 Todesopfer rechter Gewalt
Heike Kleffner Toralf Staud

2008

In der Nacht zum 26. April 2008 ersticht der Rechtsextremist Alexander B. (21) in Memmingen (Bayern) seinen 40 Jahre alten Nachbarn Peter Siebert. Die beiden hatten häufig Streit, weil Alexander B. mehrfach rechtsextreme Musik in größerer Lautstärke abspielte.

Am Abend vor der Tat sind Siebert und B., beide alkoholisiert, wieder aneinander geraten, in der Nacht gibt es weiteren Streit. Erneut beschwert sich Siebert über zu laute Musik und wirft B. seine braune Gesinnung vor. Der Rechtsextremist holt ein Bajonett und folgt Siebert in dessen Wohnung und sticht ihn tot. Das Landgericht Memmingen verurteilt den Täter im Dezember 2008 wegen Totschlags zu acht Jahren und drei Monaten Haft.

Bernd Köhler wird am 22. Juli 2008 von zwei rechtsextremen jungen Männern zu Tode geprügelt. Sie betrachten den 55-Jährigen als lebensunwerten "Asozialen", weil er arbeitslos und alkoholkrank ist.
Bernd Köhler wird am 22. Juli 2008 von zwei rechtsextremen jungen Männern zu Tode geprügelt. Sie betrachten den 55-Jährigen als...Foto: privat

Die Richter sehen kein rechtes Motiv, doch der Vizepräsident des Landgerichts, Manfred Mürbe, sagt jetzt, ein rechtsextremer Hintergrund sei wahrscheinlich. Die Kammer habe es allerdings dabei belassen, den „äußeren Sachverhalt“ zu klären, da der Täter geständig war.

Der 55-jährige Bernd Köhler wird in der Nacht zum 22. Juli 2008 in Templin von zwei Rechtsextremisten zu Tode geprügelt. Die Täter Sven P. (18) und Christian W. (21) hatten zuerst mit dem alkoholkranken Arbeitslosen getrunken. Dann schlug und trat vor allem Sven P. massiv auf das Opfer ein. Das Landgericht Neuruppin verurteilte im Mai 2009 Sven P. zu zehn Jahren Jugendhaft wegen Mordes, Christian W. erhielt wegen Beihilfe zum Mord durch Unterlassen neun Jahre und drei Monate Haft. Die Strafkammer verglich die Täter mit „Folterknechten, die sich Hitler genommen hat, um die KZ zu betreiben“. Das neonazistische Menschenbild habe eine Rolle gespielt bei der Auswahl des Opfers, das die Täter als „asozial“ eingestuft hätten. Im Juli 2010 reduzierte das Landgericht die Haft für Sven P. auf neun Jahre, nachdem der Bundesgerichtshof das Strafmaß beanstandet hatte. Die Richter waren der Ansicht, das Neuruppiner Gericht habe den Tatbeitrag von Christian W. zu gering gewertet. Dieser Fall wird von der Bundesregierung im Jahr 2009 genannt.

Rick Langenstein wird am 17. August 2008 zu Tode geprügelt, weil er schwul ist.
Rick Langenstein wird am 17. August 2008 zu Tode geprügelt, weil er schwul ist.Foto: dpa

Karl-Heinz Teichmann lag schlafend auf einer Parkbank, wehrlos gegen die Schläge des Angreifers: In den frühen Morgenstunden des 23. Juli 2008 wurde der Obdachlose in Leipzig von einem 18-jährigen Rechtsextremen brutal verprügelt und zusammengetreten, zwei Wochen später starb er im Krankenhaus. Der Täter, Michael H., war in jener Nacht auf dem Heimweg von einer Mahnwache unter dem Motto „Todesstrafe für Kinderschänder“, die von der Neonazigruppe „Freie Kräfte Leipzig“ organisiert wurde. H. hatte viel Alkohol getrunken. Am Schwanenteich mitten im Stadtzentrum, direkt hinter der Leipziger Oper, traf er auf den 59-jährigen Teichmann. Der wird zum Opfer, weil er nicht in das Weltbild seines Mörders passt. Ein „Assi“, wie Wohnungslose und Alkoholkranke im Jargon der rechten Szene genannt werden. Mindestens 20 Mal schlug H. dann auf den Mann ein, trat ihm ins Gesicht. Der Täter, übrigens in Lohn und Brot als Lehrling für Holzbearbeitung, ließ sein blutspuckendes Opfer für eine halbe Stunde liegen, um sich mit Freunden zu treffen. Danach kehrte er zum Tatort zurück und prügelte weiter. Am nächsten Morgen entdeckte eine Passantin den bewusstlosen Teichmann blutüberströmt und regennass auf der Parkbank. Neben massiven Kopfverletzungen wurden Prellungen am ganzen Körper, Brüche im Gesicht, eine Halswirbelfraktur und Hirnblutungen festgestellt. Wegen heimtückischen Mordes wird der H. 2009 zu einer Haftstrafe von acht Jahren und drei Monaten verurteilt. Der Richter stellt „Reifedefizite“ fest und wendet das mildere Jugendstrafrecht an. „Aus seiner schlechten Laune heraus störte ihn der Anblick des schlafenden Mannes, dessen Schlafplatz er willkürlich als unpassend bewertete“, heißt im Urteil. „Das kann man nicht wegdiskutieren, eine Tat mit rechtem Hintergrund. Natürlich“, sagt der Verteidiger des Täters in einem Fernsehinterview. Sein Mörder habe den Mann „zum bloßen Objekt degradiert“, erklärt der Staatsanwalt. Trotzdem wertet das Gericht den Mord nicht als rechtsextrem motiviert. So bleibt es für die Polizeistatistik eine „normale“ Straftat unter Alkoholeinfluss.

In der Nacht zum 1. August 2008 schlagen und treten die alkoholisierten Rechtsextremisten Sebastian K. (23) und Thomas F. (34) in einem Park in Dessau den geistig behinderten Hans-Joachim Sbrzesny (50) tot. Der ärmlich aussehende Sbrzesny lag auf einer Bank und schlief. Vor allem Sebastian K. agiert mit extremer Brutalität. Er schlägt auf das wehrlose Opfer auch mit einem mehr als fünf Kilogramm schweren Müllbehälter ein. Die Polizei entdeckt auf den Handys der rasch fest genommenen Täter unter anderem Hakenkreuze, die Parole „Juden sind unser Unglück“ und Lieder rechtsextremistischer Bands wie der „Zillertaler Türkenjäger“. Die Staatsanwaltschaft Dessau sagt in der Anklage, die Täter hätten eine „tiefe innere Miss- und Verachtung“ für Sbrzesny empfunden und deshalb „aus ihrem Gefühl der Überlegenheit“ heraus den Entschluss gefasst, ihn zu töten. Im Prozess berichtet ein Zeuge, Sebastian K. habe in der Untersuchungshaft das Opfer einen „Unterbemittelten“ genannt, der es „nicht anders verdient“. Das Landgericht Dessau sieht kein rechtes Motiv und verurteilt im April 2009 beide Angeklagten wegen Mordes „aus einem sonst niedrigen Beweggrund“. Sebastian K. habe „schlechte Laune“ gehabt, Thomas F. „akzeptierte diesen Beweggrund auch für sein Handeln“. Sebastian K. erhält eine lebenslange Freiheitsstrafe, Thomas F. kommt mit zwölf Jahren davon – wegen seiner mutmaßlich hohen Alkoholisierung zur Tatzeit.

Nach dem Besuch einer Diskothek in Magdeburg-Reform wird der 20-jährige Rick Langenstein in der Nacht zum 17. August 2008 von dem unter anderem wegen einer rassistisch motivierten Körperverletzung und Volksverhetzung vorbestraften Neonazi Bastian O. mit unzähligen Schlägen und Tritten tödlich misshandelt. Das Landgericht Magdeburg sah es in der Hauptverhandlung als erwiesen an, dass Bastian O. sich - nachdem ihn der angehende Kunststudent bei einem zufälligen Zusammentreffen vor der Diskothek „Fun Park“ als Hobbynazi“ bezeichnet hatte – provoziert fühlte und sich rächen wollte. Das Landgericht verurteilte den 20-jährigen Neonazi im Mai 2009 zu einer Jugendhaftstrafe von acht Jahren wegen Totschlags. Dieser Fall wird von der Bundesregierung 2009 genannt.

Todesopfer rechter Gewalt von 1990 bis 2009:

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