Reichtum und Verteilung : „Ungleichheit hat desaströse Folgen“

Ungleiche Wohlstandsverteilung ist ein Problem für die Demokratie. Deshalb ist es richtig, große Vermögen stärker zu besteuern - vor allem Erbschaften, sagt Jens Beckert im Interview

von
Vermutlich nicht ganz arm: Zuschauerinnen in Hoppegarten.
Vermutlich nicht ganz arm: Zuschauerinnen in Hoppegarten.Foto: Rainer Jensen/dpa

Herr Beckert, Sie beklagen seit Jahren die wachsende soziale Ungleichheit und die auseinanderfallende Wohlstandsverteilung. War das auch die Ursache für den Ausgang des Brexit-Referendums in Großbritannien im Juni?

Wenn man sich die regionale Verteilung der Stimmen anschaut, dann ist das wohl so gewesen. Im Norden Englands, der mit klarer Mehrheit für den Ausstieg aus der EU votierte, ist ein großer Teil der Bevölkerung sozial abgehängt oder fühlt sich jedenfalls abgehängt vom reichen Süden. Diese Menschen sind offensichtlich nicht mehr bereit, an das Versprechen einer besseren wirtschaftlichen Entwicklung durch die europäische Integration und die Globalisierung zu glauben. Wenn eine Region oder eine Gruppe in der Gesellschaft zu weit abgehängt wird, dann kann es zu Gegenreaktionen kommen. Ungleichheit kann dann politisch wie wirtschaftlich desaströse Folgen haben. Insofern ist es geboten, in einer demokratischen Gesellschaft soziale Ungleichheit nicht aus dem Ruder laufen zu lassen, wie es in Großbritannien der Fall ist.

Wozu führt wachsende Ungleichheit?

Die Gefahr ist die Spaltung der Gesellschaft durch Prozesse der sozialen Abschließung. Es gibt dann Gruppen, die vollkommen andere Lebenserfahrungen machen, kaum den normalen Lebensrisiken ausgesetzt sind, völlig andere Lebenschancen geboten bekommen als der große Rest der Bevölkerung. Das ist zunächst ein moralisches Problem, aber es ist auch ein Problem für eine Demokratie, wenn die oberste Schicht, die gut versorgt und damit gewissermaßen vom Marktgeschehen abgekoppelt ist, das Interesse an der eigenen Gesellschaft verliert. Dafür ist Griechenland ein gutes Beispiel, wo die Eliten sich nicht mehr für das eigene Land interessieren und ihre Vermögen in London und Genf investieren. Auf der anderen Seite sehen weite Teile der Bevölkerung nicht mehr, wie ihre Interessen im etablierten politischen Prozess eine Stimme bekommen können. Das ist derzeit in den USA, aber auch in vielen europäischen Ländern zu beobachten.

Was bedeutet das für die wirtschaftliche Entwicklung?

Ungleichheit bremst das Wirtschaftswachstum, wenn das volkswirtschaftliche Potenzial einer Gesellschaft nicht mehr gehoben wird, etwa weil die untere Bevölkerungsschicht nicht mehr in der Lage ist, in hinreichendem Maße in die eigene Ausbildung zu investieren oder genügend Nachfrage zu produzieren.

Aber der wirtschaftliche Reichtum ist doch gestiegen, bei uns, in Europa, in den USA…

Der Vermögenszuwachs hat nicht in der breiten Mittelschicht stattgefunden, auch nicht in der oberen Mittelschicht, sondern nur in der Oberschicht der wirklich Vermögenden. Mehr Reichtum und mehr soziale Ungleichheit gehen Hand in Hand. Wenn wir über den Vermögenszuwachs sprechen, der sich über die letzten zwei, drei Jahrzehnte eingestellt hat, dann sprechen wir nicht über die Mitte der Gesellschaft, sondern über die Reichen. Damit meine ich nicht mal in erster Linie die oberen zehn Prozent, sondern das obere ein Prozent, oder sogar 0,1 Prozent. Wenn man Vermögensungleichheit angehen will, dann muss man an die großen Vermögen herangehen.

Jens Beckert.
Jens Beckert.Foto: MPIfG

Auf welchem Weg?

Man müsste an mehreren Stellen ansetzen. Die Erbschaftsteuer wäre ein Instrument, die Vermögensteuer eine weitere Möglichkeit. Und wenn man beachtet, woher diese starke Vermögenskonzentration kommt, dann muss man an die Kapitalertragsteuer herangehen, denn Reichtum entsteht in hohem Maße durch Kapitalanlagen. Ich frage mich, warum Kapitalerträge in Deutschland nur mit 25 Prozent und damit in halber Höhe des oberen Einkommensteuersatzes besteuert werden? Aber es geht nicht nur um Besteuerung, sondern auch um die Entwicklung der Einkommen. Wir haben in der breiteren Bevölkerung stagnierende Realeinkommen seit den 90er Jahren, das hat sich nur in den vergangenen Jahren etwas geändert. Vermögenskonzentration hängt auch mit dieser Lohnentwicklung zusammen. Wollte man wirklich die immense Vermögenskonzentration angehen, dann müsste man an all diesen Stellschrauben drehen.

Die Erbschaftsteuer wird gerade reformiert. Ein mühseliger Prozess, der Entwurf hängt im Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat. Dabei ist sie eine kleine Steuer, sie bringt nur etwa fünf Milliarden Euro im Jahr wegen der Freibeträge und Vergünstigungen. Unter Unternehmern gilt sie als Dummensteuer, die nur zahlt, wer nicht aufpasst und keinen guten Rechtsberater hat. Ist da wirklich viel zu holen?

Im Prinzip ja, denn jährlich werden in Deutschland um die 200 Milliarden Euro vererbt. Tatsächlich war das Aufkommen aus der Steuer aber nie hoch. Selbst die SPD hat sich nie für die diese Steuer verkämpft, denn sie löst seit jeher große Widerstände im Bürgertum aus. Für die Parteien, auch die SPD, ist es letztlich zweitrangig, woher die Einnahmen kommen, und so hat man stärker auf andere Steuerarten gesetzt, vor allem die Einkommensteuer und die Umsatzsteuer. Bei diesen Steuern ist der politische Widerstand geringer.

In den USA scheint das etwas anders zu sein, dort wird über die Erbschaftsteuer anders geredet.

In Deutschland verfolgt die Politik eher die Linie, dass Steuereinnahmen dazu da sind, ungerechte Marktergebnisse durch den Sozialstaat zu korrigieren. In Amerika ging es, seit dem 19. Jahrhundert schon, weniger um die Korrektur der sozialen Ungleichheit durch den Staat als um gleiche Startchancen in der Gesellschaft. Da kommt die Erbschaftsteuer stärker in den Blick.

Sind ausgerechnet die Amerikaner offener für soziale Gerechtigkeit als die Deutschen?

Es geht um die Gerechtigkeit bei den Ausgangsbedingungen. Jeder soll, so die Vorstellung, mit gleichen Startchancen auf das Spielfeld laufen. Was einer daraus macht, wird weniger problematisch gesehen – hier wird Ungleichheit viel stärker akzeptiert. In Deutschland dagegen ist es umgekehrt: Ungleiche Startchancen werden eher hingenommen, aber danach wird darauf geachtet, dass Ungleichheit in der Gesellschaft korrigiert wird.

Ist das der Unterschied zwischen einer Gesellschaft, die aus dem Obrigkeitsstaat kommt und noch von ihm geprägt ist, und einer Gesellschaft, die sich davon befreit hat?

Ja, das ist sicherlich ein Hintergrund. Vererbung ist in einer Gesellschaft, die sich aus feudalen Verhältnissen entwickelt hat, viel selbstverständlicher als in einer Gesellschaft, die das Individuum in den Vordergrund rückt und sich über Rechts- und Chancengleichheit definiert. Da wird Ungleichheit durch Vermögensvererbung viel stärker als Problem gesehen. Das sehen sie bis heute daran, dass Superreiche wie Warren Buffett oder George Soros nicht ihr eigenes Vermögen problematisieren, wohl aber den Übergang dieses Vermögens an die eigene Familie. Das ist eine Tradition in den USA, die zurückgeht bis auf reiche Unternehmer wie Carnegie und Rockefeller: Reich zu werden ist in Ordnung, aber man gibt das Vermögen über philanthropische Stiftungen wieder zurück an die Gesellschaft. Freilich ist darin ein elitäres Element enthalten: Wer das Vermögen geschaffen hat, bestimmt auch, für welche Zwecke es genutzt wird. Da zeigt sich auch dieser Unterschied: In den USA ist es die soziale Unternehmerelite, die bestimmen möchte, wie das von ihr geschaffene Geld in die Gesellschaft zurückverteilt wird, während es in Europa eher die Staatselite ist, die diesen Anspruch erhebt.

Aber gerade dann müsste doch diese Staatselite ein Interesse an einer Erbschaftsteuer mit hohem Ertrag haben.

Dem steht ein Phänomen entgegen, das recht bemerkenswert ist: In der Bevölkerung in Deutschland ist die Erbschaftsteuer unbeliebt. Das zeigen Umfragen immer wieder. 60 Prozent der Befragten wollen sie nicht. Zwar sind nur die bedeutendsten Erbschaften überhaupt von der Erbschaftsteuer betroffen, was an den hohen Freibeträgen liegt. Insofern wäre es die Steuer, die eigentlich vom größten Teil der Bevölkerung akzeptiert werden müsste, weil er gar nicht betroffen ist. Aber erstaunlicherweise ist eine Mehrheit gegen die Erbschaftsteuer – andererseits akzeptiert sie eine relativ hohe Einkommensteuer, die in der Breite aber stärker belastet als eine Erbschaftsteuer.

Wie erklären Sie sich das?

Ein Grund ist, dass in der Bevölkerung oft falsche Vorstellungen darüber herrschen, wen eine Erbschaftsteuer trifft und wen nicht. Unternehmerlobbyisten malen zudem gern das Bild, die Steuer vernichte Arbeitsplätze, wofür es aber keinerlei Belege gibt. Offensichtlich verfängt das Argument aber, wie sich in der aktuellen Debatte wieder zeigt. Ein weiterer Punkt: Irgendwie gibt es bei Menschen die Vorstellung, dass sie irgendwann einmal in die Situation kommen, größere Summen zu erben oder zu vererben. Das ist zwar meistens unrealistisch, aber es gibt diese Fantasie, dass man selbst zu den Reichen gehören könnte und dieses Vermögen dann auch nicht mit dem Staat teilen möchte. Es ist eine Art Illusion der Möglichkeiten.

Spielt dabei eine Rolle, dass man auch hier in Deutschland weniger individualistisch denkt und mehr von der Familie her?

Das ist richtig. Es gibt deutliche Unterschiede zur amerikanischen Auffassung, was Erbschaften überhaupt sind. In Deutschland sieht man eine Erbschaft schon immer wesentlich als eine Familienangelegenheit, der Erbvorgang wird als Vermögensübertragung an die Treuhänder der nächsten Generation betrachtet. Es ist kein Eigentumsübergang zwischen zwei Individuen, sondern ein Generationswechsel innerhalb der Sippe.

Und warum verändert sich eine solche Einstellung mit der Zeit nicht?

Letztlich setzt sich das von Generation zu Generation fort, weil es auch im Rechtssystem so kodifiziert wurde und in den politischen Diskussionen immer wiederholt wird. Jede neue Studentengeneration lernt es so von ihren Lehrern und gibt es so weiter: Erben ist eine Familienangelegenheit. In den seit Generationen vermögenden Familien selbst wird es ohnehin so gesehen. Solche kulturellen Denkschemata sind äußerst stabil und lösen sich nicht einfach auf. Das prägt auch die aktuelle Debatte zur Erbschaftsteuer.

Was dazu führt, dass derjenige, der Erbschaften als unverdientes Einkommen betrachtet, mit dem Vorwurf leben muss, er wolle nur Wohlhabende enteignen.

Genau. Denn diese Sicht von Erbschaft als unverdientes Einkommen, für das eigentlich nichts geleistet wurde, das allein der Abstammung zu danken ist, liegt quer zur tradierten Sicht.

Als Alternative zum bisherigen System – hohe Sätze, viele Ausnahmen - wird zunehmend eine Flat-Tax-Lösung gefordert, also eine Erbschaftsteuer mit niedrigem Steuersatz und wenigen Vergünstigungen. Viele Ökonomen plädieren dafür, die Grünen wollen sie, auch in Union und SPD gibt es Befürworter. Aber hat der Vorstoß angesichts dieser traditionellen Fixierung überhaupt eine Chance?

Das sollte zumindest ernsthaft diskutiert werden, denn es bietet die Chance, dass Erbschaften von Unternehmensvermögen zumindest etwas stärker belastet werden und wir der Gleichbehandlung der Vermögensarten bei der Erbschaftssteuer näher rücken. Wenn man ein solch einfaches Modell mit dem Gesetzentwurf vergleicht, der im Vermittlungsausschuss liegt, mit diesen albtraumhaft komplizierten Bewertungsregeln, dann wäre dies ein zusätzliches Argument. Doch man muss auch wissen, dass man mit einer Flat-tax das Ziel der Reduzierung von Vermögensungleichheit durch die Erbschaftssteuer aufgeben würde. Auch stehen die Chancen zur politischen Durchsetzung schlecht, denn die Unternehmen würden auch dagegen opponieren, weil sie mehr zahlen müssten als bei den jetzigen Regeln.

Die Familienunternehmer würden Zeter und Mordio schreien…

Ein Gutachten des Beirats beim Bundesfinanzministerium von 2012 legt aus ökonomischer Sicht dar, dass Unternehmen durch eine solche Erbschaftsteuer nicht gefährdet werden. Es gibt funktionierende Finanzmärkte. Ein Unternehmen stellt einen Wert dar, der sich beleihen lässt. Unternehmen können Kredite aufnehmen, um Steuern zu bezahlen. Aus ökonomischer Sicht ist das alles sehr viel weniger problematisch, als es die Lobby der Betroffenen darstellt. Zumal man bedenken muss, dass die Vererbung von Unternehmen selbst problematisch sein kann, weil die Erben, in der Regel die Kinder, nicht notwendigerweise zur Unternehmensführung taugen. Natürlich ist es aus volkswirtschaftlicher Sicht ein Problem, wenn Unternehmensführer nicht am Markt ausgewählt werden.

Wie sieht Ihr Vorschlag aus?

Ich meine, man sollte Erbschaften als weitere Einkommensart betrachten und in die Einkommensteuer einbeziehen. Also mit den normalen Einkommensteuersätzen bis hin zu 45 Prozent belasten. Wenn wir uns tatsächlich als Leistungsgesellschaft verstehen, dann sollten wir Erbschaften zumindest so hoch besteuern wie Arbeit. Die Einnahmen daraus könnte man dazu nutzen, die Einkommensteuersätze zu reduzieren. Das hilft dann jenen, die wenig oder gar nicht erben. Natürlich müsste es Stundungsregelungen geben. Der Freibetrag läge bei 60.000 Euro.

Ist das nicht ein bisschen wenig angesichts von 500.000 Euro für Eheleute und Lebenspartner oder 200.000 Euro für Enkel im bisherigen Recht?

Zwei Drittel der Erbschaften liegen unter dieser Summe. Die untere Hälfte der Bevölkerung hat überhaupt kein Vermögen, das sie vererben kann. Erbschaften im Millionenbereich fallen bei nicht mehr als einem Prozent der Bevölkerung an. Für gewöhnlich machen wir uns keine Vorstellung davon, wie ungleich Vermögen in unserer Gesellschaft verteilt ist.

 

Jens Beckert (49) ist Soziologe, forscht zum Kapitalismus und leitet das renommierte Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. In den USA war er Gastwissenschaftler in Princeton, Harvard und an der Cornell University. Seit 2010 ist er Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

Autor

76 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben