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Reportage : Mad in Germany - deutsche Söldner nach Somalia?

05.06.2010 13:54 Uhrvon
Einsatz. Das Vorbild kommt aus den USA. Blackwater, nun umbenannt in Xe Services, entsendet seit Jahren Söldner in Krisengebiete.Bild vergrößern
Einsatz. Das Vorbild kommt aus den USA. Blackwater, nun umbenannt in Xe Services, entsendet seit Jahren Söldner in Krisengebiete. - Foto: dpa

Es soll ein echter Exportschlager werden. Und hat doch erst mal nur Entsetzen ausgelöst. Bundeswehrsoldaten als Söldner nach Somalia? Was hinter der deutschen Firma Asgaard Security steckt.

Thomas Kaltegärtner trifft sich lieber im Café als in seiner Firma. Im Tarn der Geschäftswelt – dunkler Anzug, gedeckte Krawatte, schwarze Ledermappe unter dem Arm – betritt er die Stadtbäckerei in Telgte, das Café am Marktplatz. Die Mappe breitet er sogleich auf dem Tisch aus – zwei Bleistifte in Nato-Fleckmuster liegen darin und ein Stapel Papiere. Sie sind seine Munition für eine Schlacht, die vor zwei Wochen die Öffentlichkeit aufgeschreckt hat. Der Mann aus Westfalen sieht sich als Vorkämpfer für einen Wirtschaftszweig, den man bisher vor allem aus den USA kennt: private militärische Dienstleister. Zwischen belegten Brötchen, dampfenden Kaffeetassen und jungen Müttern mit ihren schlafenden Babys entwirft er seine Vision von „Sicherheit made in Germany“.

Die soll ein echter Exportschlager werden. Und hat doch erst mal nur Entsetzen ausgelöst.

Kaltegärtners Firma heißt Asgaard German Security Group, sie tritt im Internet mit Deutschlandflagge, Wikingerschiff und den Begriffen Treue, Ehre, Tapferkeit auf. Asgaard, das ist in altnordischer Mythologie ein Schlafplatz der Götter, klingt aber auch wie eine Mischung aus „Guardian“ und Aasgeier. Am 22. Mai berichtet der NDR, dass die Firma ehemalige Bundeswehrsoldaten für einen Einsatz in Somalia anwerbe, um einen Mann an die Macht zu bringen, der sich für den rechtmäßigen Präsidenten des zerrütteten Landes hält. Deutsche Söldner als Kriegspartei im somalischen Bürgerkrieg?

Söldner sind ein scheues Völkchen. Identitäten haben sie nicht. Wer als ehemaliger Soldat in privatwirtschaftlichen Kriegen weiter beschäftigt wird, tut dies im Verborgenen. Das macht es schwierig, hinter die Kulissen dieses Gewerbes zu blicken. Doch ein Treffen mit Kaltegärtner ist kein Problem. Im Zehn-Minuten-Takt nimmt er an diesem Morgen auf seinem Handy Anrufe von Investoren und Bewerbern entgegen. Eine Sekretärin, die dem Geschäftsführer dies abnehmen könnte, gibt es offenbar nicht. Ebenso wenig ein Büro. Firmensitz von Asgaard ist sein eigenes Einfamilienhaus in einer ruhigen Wohnstraße in Telgte.

Vorbild Blackwater

Passt das zu einem international operierenden Unternehmen? „Als Geschäftsführer bin ich der Kugelfang von Asgaard, deshalb ist es wichtig für mich, dass ich Tag und Nacht agieren kann“, erklärt Kaltegärtner mit schneidigem Aplomb, ein Kämpfer auch er. „Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass im Hintergrund vernünftig gearbeitet werden kann.“ Von Gesellschaftern spricht er dann, deren Namen er jedoch nicht nennen könne, von namhaften Auftraggebern, die ebenfalls anonym bleiben wollten. An seine Mitarbeiter, mehr als hundert sollen einsatzbereit sein, ist nicht heranzukommen.

Was Kaltegärtner nicht erzählt, lässt sich durch einen Anruf beim Amtsgericht Münster klären. Die Firma, die früher unter dem Namen Asgaard German Security Guards im Handelsregister geführt wurde, ging 2007 pleite. Das Insolvenzverfahren wurde im März 2008 „mangels Masse“ abgelehnt und Asgaard aus dem Handelsregister gelöscht. Einen Eintrag für die Asgaard Security Group, wie sich das Unternehmen nun nennt, gibt es nicht.

Dennoch will der frühere Maler und Lackierer es mit ganz Großen aus der Branche wie Blackwater aufnehmen. Die amerikanische Sicherheitsfirma ist mit ihren Hightech-Kämpfern zum Synonym dieser Szene geworden. Sie verdiente Millionen mit Aufträgen für die US-Regierung im Irak, wo sie amerikanische Einrichtungen und Diplomaten schützen sollte. Irgendwann verlor das Pentagon die Kontrolle. Von Erschießungen wurde berichtet, von Morden. Präsident Barack Obama entzog der Firma 2009 die Lizenz für den Irak. Doch Blackwater macht weiter, anderswo, unter anderem Namen. Nun will ein 40-jähriger Hauptfeldwebel der Reserve es besser machen.

Telgte trifft und organisiert sich

In Telgte sorgen sie sich derweil um den Ruf ihrer Stadt. Der beschauliche Ort mit seinen 20.000 Einwohnern, kleinen Giebelhäusern im historischen Stadtkern, fristet ein ruhiges Dasein im Schatten des nahe gelegenen Münster. Überregional bekannt war Telgte bisher allenfalls durch Günter Grass’ Erzählung „Das Treffen in Telgte“ von 1979. Auch darin geht es um einen Krieg, den Dreißigjährigen.

Nach Bekanntwerden von Kaltegärtners Plänen formierte sich umgehend eine Aktionsgruppe gegen Asgaard. Eine kleine Demonstration wurde organisiert, 20 Teilnehmer konnten auf die Schnelle zusammengetrommelt werden – per Telefonkette. Man kennt sich in Telgte. Die Kinder engagieren sich bei „Telgte – Links Ab!“, die Eltern beim Friedensratschlag.

Nun reden sie bei Bier und Kaffee in den Bürgerstuben, was von Asgaard zu halten ist. Gerd Klünder glaubt, Kaltegärtner sei ein Strohmann, etwa für die Rüstungsindustrie oder andere Interessengruppen, die Kriegseinsätze der demokratischen Kontrolle entziehen wollten, indem sie sie über private Firmen abwickeln. Und Horst Köhlers Rücktritt liefert dem Grünen zusätzlich Futter. Habe der Bundespräsident doch militärische Auslandseinsätze in einen Zusammenhang mit deutschen Wirtschaftsinteressen gebracht. Als die Wirtin den zweiten oder dritten Strich auf die Bierdeckel gemalt hat, kommen aber auch Zweifel auf: „Vielleicht ist das alles ja nur ein Bluff.“

Kontakt nach Somalia über Israel

In der Stadtbäckerei wird das vom Tisch gewischt wie Kuchenkrümel. Asgaards Auftraggeber soll Galadid Abdinur Ahmad Darman sein, der Kontakt kam über einen israelischen Geschäftsfreund zustande. Von dem somalischen Politiker hatte vorher kaum jemand gehört. In einem NDR-Interview hat er bestätigt, dass Asgaards Männer seine Truppen ausbilden und „gegebenenfalls“ auch einen Kampfauftrag erhalten sollen. Für Ende Juni sei eine Erkundungstour mit Kaltegärtner in Somalia geplant.

Doch am Horn von Afrika gibt es eine Übergangsregierung, die von Deutschland anerkannt wird. Deren Präsident, Scheich Scharif Achmed, sollte vergangenen Donnerstag eigentlich nach Berlin kommen und mit militärischen Ehren empfangen werden. Der Termin wurde verschoben wegen der unübersichtlichen politischen Lage in Berlin.

In Somalias Hauptstadt Mogadischu haben sie ohnehin andere Probleme. Regierungstruppen liefern sich seit Wochen blutige Kämpfe mit einer islamistischen Rebellenfraktion. Ein Ende ist nicht in Sicht. Somalia befindet sich seit 1991 in einem Bürgerkrieg. Vor der Küste kreuzen deutsche Kriegsschiffe, um gegen Piraten und Terroristen vorzugehen. In der deutschen Politik hat der Fall Asgaard deshalb eine aufgeregte Debatte entfacht.

Aber in Berlin hat man es versäumt, ein 2008 von Deutschland mitunterzeichnetes internationales Dokument zur Kontrolle privater Sicherheitsfirmen umzusetzen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, ob der Straftatbestand „Anwerben für einen fremden Wehrdienst“ nach Paragraf 109h Strafgesetzbuch vorliegen könnte. Fraglich ist aber, ob Auftraggeber Darman im Sinne des Deutschen Strafrechts als eine fremde Macht angesehen werden kann. Als wohlhabender Vertreter eines somalischen Clans mit Wohnsitz in den USA mag er Einfluss haben. Macht hat er nicht.

Ein Präsident, der keiner ist, eine Armee, die es nicht gibt

„Höchst unglücklich“ sei es, dass Telgte nun mit dem Namen Asgaard verknüpft werde, sagt Bürgermeister Wolfgang Pieper. Der Grünenpolitiker, ein zurückhaltender, zierlicher Endvierziger, hat erst vor wenigen Wochen völlig überraschend die Nachwahl für das Amt gewonnen und ist noch gar nicht richtig angekommen im Rathaus. Hinter seinem Schreibtisch hängen zwei Grass-Zeichnungen, die der Stadt vom Dichter vermacht wurden. „Wir können als Kommune doch keine Nebenaußenpolitik betreiben“, sagt Pieper. Aber unterbinden kann er das Treiben auch nicht. Dass Kaltegärtner kein Gewerbe angemeldet habe, sei lediglich eine Ordnungswidrigkeit.

Mit Formalitäten hält sich Kaltegärtner offensichtlich nicht auf. „Hauptsache ist doch, dass ich Steuern zahle“, sagt er in der Stadtbäckerei. Sein Auftraggeber ist erst einmal abgetaucht. Da wird auch Kaltegärtner bescheidener, will von einer großspurig als operativem Einsatz angekündigten Mission nichts mehr wissen. „Wir werden erst aktiv, wenn Darman von den UN anerkannt ist und die Regierungsgeschäfte in Somalia übernommen hat“, sagt er. In einer Pressemitteilung vom 20. Mai hatte er noch erklärt: „Schon bald könnten Schiffe unter dem Schutz von Asgaard durch die Gewässer vor der Küste Somalias laufen.“

Ein Präsident, der keiner ist, eine Armee, die es nicht gibt, Verträge, die plötzlich etwas ganz anderes bedeuten als angekündigt. Je länger Kaltegärtner über seinen privaten Krieg plaudert, desto wirrer wird es. Seine Ledermappe spuckt immerzu neue Belege für die Seriosität seiner Aufträge aus. Darunter ein Dokument vom Januar, das Asgaard autorisiere, Waffen und Ausrüstung nach Somalia einzuführen, was gegen UN-Sanktionen und das deutsche Außenwirtschaftsgesetz verstoßen würde. „Keinesfalls werden wir gegen die Interessen der Bundesrepublik Deutschland handeln“, beteuert er dann wieder und zieht ein neues Papier hervor – gerade so weit, dass der Briefkopf zu sehen ist. Absender: Das Bundeskanzleramt. Empfänger: Asgaard Security.

Was darin stehe, möchte man wissen. Aber er begräbt das Schreiben unter einem neuen Schwall von Erklärungen. Die Bundesregierung sehe er als wichtigen Partner. Die sagt indes, es gebe keinen Brief an Asgaard. Gerade jetzt, fährt Kaltegärtner fort, wo auch beim Militär drastisch gespart werde, sei über eine Privatisierung des Militärischen nachzudenken. Und schon ist Kaltegärtner einen Schritt weiter, bei Kampfeinsätzen privater Firmen im Auftrag der Bundesregierung, beispielsweise in Afghanistan. Der Vorteil sei, führt er aus, dass Einsätze diskret ausgeführt werden könnten ohne Mandat, ohne offizielle Opferstatistik. „Der Bürger“, sagt er, „will doch gar nicht wirklich wissen, wer für ihn den Kopf hinhält.“

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