Politik : Rettung oder Kinderhandel? 16 Europäer im Tschad

in Polizeigewahrsam

Rudolf Balmer

Paris - In der zentralafrikanischen Republik Tschad droht 16 Europäern ein Verfahren wegen Entführung und Kinderhandel. Die Behörden des Landes verlängerten am Samstagabend den Polizeigewahrsam in der östlichen Stadt Abéché für neun Franzosen, unter ihnen Mitarbeiter der französischen Organisation „Arche de Zoé“, sowie sieben Spanier, um eine Anklage gegen sie vorzubereiten. „Arche de Zoé“ wollte nach eigenen Angaben 103 Waisenkinder aus der benachbarten sudanesischen Krisenprovinz Darfur vor dem Tod retten und zu Gastfamilien nach Frankreich bringen, die sie zunächst aufnehmen und später adoptieren sollten. Sowohl die französische als auch die sudanesische Regierung leiteten Untersuchungen zu dem Fall ein.

Die Gruppe wurde beim Besteigen ihres Charterflugzeugs verhaftet. Vergeblich warteten am Freitag im ostfranzösischen Provinzflugplatz von Vatry im Departement Marne Dutzende von Familien auf die Ankunft von Kindern aus dem Darfur. „Arche de Zoé“ nennt sich die nach der Tsunami-Katastrophe in Südostasien vom ehemaligen Feuerwehrmann Eric Breteau 2005 gegründete Organisation. Die aus der westsudanesischen Krisenregion Darfur „geretteten“ Waisen sollten in Frankreich, Belgien und eventuell anderen europäischen Ländern von gastfreundlichen Familien aufgenommen oder sogar adoptiert werden. Heute bestreitet die Organisation, je eine Adoption in Aussicht gestellt zu haben. Insgesamt 258 Familien hatten sich bereit erklärt, Waisenkinder aus dem Darfur zu beherbergen. Für die Kosten schossen sie zwischen 2500 und 3000 Euro vor. Die Organisation wollte sich nicht auf eine einmalige Aktion beschränken, sondern plante, rund 10 000 Kinder aus dem Darfur nach Europa „evakuieren“.

Die tschadischen Behörden glauben ihnen kein Wort. Vor Ort hat sich nun das UN-Kinderhilfswerk Unicef eingeschaltet. Nach Angaben von Jacques Hintzy, dem Unicef-Sprecher in Paris, hätten erste Überprüfungen ergeben, dass 48 der Kinder nicht aus dem Darfur, sondern aus dem Grenzort Adré stammten. Zudem handle es sich zum größeren Teil gar nicht um Waisen. Die Verantwortlichen von „Arche de Zoé“ behaupten dagegen, im Besitz schriftlicher Beglaubigungen von Dorfvorstehern aus dem Darfur zu sein, die beweisen, dass es sich um elternlose Opfer handle. Die Kinder sollen für den Transport nach Frankreich Verbände getragen haben, unter denen jedoch bei der ärztlichen Untersuchung keinerlei Verletzungen zum Vorschein kamen.

Der tschadische Präsident Idriss Déby will offenbar ein Exempel statuieren. Er kündigte an, die Verantwortlichen würden für ihre „schreckliche Tat“ streng bestraft. Als „völlig unverantwortlich und illegal“ bezeichnete die französische Staatssekretärin Yama Rade das Vorhaben ihrer französische Landsleute, die im Sommer mehrfach vom Außenministerium gewarnt worden seien. Allerdings stellt sich die Frage, warum das Vorhaben, von dem seit Monaten auf einschlägigen Internet-Foren die Rede war, nicht rechtzeitig gestoppt wurde. Stattdessen hätten im Tschad stationierte französische Militärs den vermeintlichen Helfern von „Arche de Zoé“ sogar mehrfach logistische Unterstützung gewährt. Rudolf Balmer

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