Politik : Richtig geraten

Robert von Rimscha

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Zuweilen, wenn einem Berlin zu viel und die Sehnsucht nach heiler Welt übermächtig wird, empfiehlt sich die Provinz. Auch politisch sehr erhellend! Kürzlich begab sich ein prominenter Abgeordneter ins katholisch- konservative Münsterland, wo Politik so entwaffnend einfach sein kann. Ein Parteifreund holte unseren Reisenden vom Flughafen ab; und stolz blickten beide auf einen gerade abgeschlossenen Wahlkampf zurück. Es ging um einen Bürgermeister-Posten. Der Kandidat kam aus der Gegend, aber nicht aus der Stadt. Die gerade abgenommenen Plakate zeigen einen Mann Ende 30, das blonde Haar wird schütter. Der eine oder andere Ortsansässige hielt den Kandidaten für einen etwas hochnäsigen Juristen. So war es seine Hauptaufgabe, Stallgeruch zu verbreiten. Ein Foto zeigt ihn mit Frau und den beiden Kindern.

Unser Berliner Abgeordneter erbot sich, einfach mal zu raten, was die Kandidatenfrau beruflich macht. Lehrerin, tippte er. Richtig! Und für was? Deutsch und Englisch wäre zu einfach, grübelte der Berliner Abgeordnete, dessen eigener Wahlkreis ganz woanders liegt. Vielleicht katholische Religionslehre? Der Parteifreund aus der Gegend war baff. Unfassbar: Deutsch und Religion, das stimmt! Sieht man im Münsterland den Politikergattinnen alles am Gesicht an? Liegt das Beziehungsgeflecht postmoderner Gesellschaften dort offen zutage? Der Berliner Besucher hatte mächtig Eindruck gemacht. Und der lokale Parteifreund verriet schmunzelnd, was so getuschelt wird über das wirksamste aller Wahl-Argumente. Die Frau Lehrerin soll den Kindern aus jener Kleinstadt, die ihr Mann nun regieren darf, seit Monaten keine Fünfer und Sechser mehr gegeben haben.

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