Röttgen-Sieg : NRW-CDU: Neuanfang mit alten Gesichtern

Norbert Röttgen hat gewonnen und wird seiner Partei im größten Bundesland. Jetzt erwartet ihn in der CDU von Nordrhein-Westfalen die Kärrnerarbeit.

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Mit Helfern von gestern. Der designierte CDU-Landeschef Norbert Röttgen.Foto: dpa
Mit Helfern von gestern. Der designierte CDU-Landeschef Norbert Röttgen.Foto: dpaFoto: dpa

Nein, über diese Frage habe er wirklich noch nicht nachgedacht, schießt es aus Norbert Röttgen heraus. Und in diesem Moment hebt er die Hände, als wenn er Gefahren abwehren will. Für die Fotografen ist das ein schönes Motiv: Der designierte Chef der CDU im größten Bundesland steht vor dem Logo der Partei in der Düsseldorfer Wasserstraße und versucht erst einmal Distanz zu schaffen. Dabei hatte jemand einfach nur wissen wollen, wie er mit eben dieser Parteizentrale umzugehen gedenkt, die in den zurückliegenden Monaten für viele Schlagzeilen gut war und deren Mitarbeiter am Ende ganz erheblich dazu beigetragen haben, dass die Ära Jürgen Rüttgers in der Geschichte des Landes nur eine relativ kurze Episode geblieben ist.

Natürlich hat Röttgen all die Berichte über unsaubere Parteienfinanzierung und Intrigen aus der Landesgeschäftsstelle gelesen und nicht zuletzt wegen dieser Vorkommnisse hatte er erfolgreich für einen Neuanfang in der Partei geworben. Aber am Tag zwei nach seinem Sieg im internen Wettstreit mit Armin Laschet geht Röttgen mit Begriffen wie „Neuanfang“ deutlich zurückhaltender um als vor der Urabstimmung.

Diese Zurückhaltung hat Gründe. In der Parteizentrale muss sich einiges ändern, das weiß Röttgen. Aber zunächst einmal muss er mit einem guten Ergebnis gewählt werden, denn an der Stimmenzahl wird er ablesen können, ob sein mantraartig vorgetragener Satz, es habe keine Verletzungen gegeben, der Wirklichkeit entspricht. Röttgen hatte praktisch die gesamte Führungsriege der nordrhein-westfälischen Landespartei gegen sich und auch in der Parteizentrale wussten einige, dass ihre Tage womöglich gezählt sind, wenn der Berliner Außenseiter am Ende vorne liegen würde. Um dort jede weitere Unruhe zu vermeiden, hält Röttgen sich also erst einmal mit Ankündigungen über auch aus seiner Sicht notwendige personelle Veränderungen zurück. Im Übrigen wird er längst einen Blick in die Parteikasse geworfen haben. Er übernimmt aus der Ära Rüttgers mehrere Millionen Euro Schulden, weil der Wahlkampf für das magere Ergebnis viel zu teuer geraten ist. Weil bei Entlassungen Abfindungen gezahlt werden müssten, wird Röttgen personelle Einschnitte überdenken müssen.

Diese schwierige Aufgabe wird auch Oliver Wittke beschäftigen, den designierten Generalsekretär. Der Gelsenkirchener ist umstritten. Manche sagen, er rede schneller als er denke. Röttgen aber hält an Wittke fest. Der Vorsitzende des Ruhr-Bezirkes hat als einer der wenigen Regionalfürsten für Röttgen gekämpft und darf nun Dankbarkeit erwarten. Dass dem künftigen Chef die Schwächen seines Freundes nicht verborgen geblieben sind, kann man den Attributen entnehmen, mit denen Röttgen den Schalke-Fan beschreibt. „Kenntnisreich, mit voller Konzentration“ werde der den Job des Generalsekretärs ausfüllen, hofft Röttgen und gibt damit zu erkennen, dass Wittke an sich arbeiten muss, um diesem Anspruch gerecht zu werden.

Um weitere Verletzungen zu vermeiden, hat Röttgen seinem unterlegenen Kontrahenten Armin Laschet den Vizevorsitz der Landespartei angeboten. Nach kurzem Zögern hat der Aachener die Offerte angenommen. Laschet hat den festen Willen, sich in das künftige Personaltableau einzuordnen. Dass ihm das nicht ganz leicht fällt, kann er freilich kaum verbergen, zumal er innerhalb kürzester Zeit zum wiederholten Male einen gewünschten Karrieresprung nicht geschafft hat. Im vergangenen Jahr hatte er nach der Bundestagswahl darauf spekuliert, in das Berliner Kabinett berufen zu werden. Dann verlor er mit Rüttgers die Landtagswahl und schließlich zogen ihm die Abgeordneten der Fraktion Karl Josef Laumann als neuen Chef vor. „Ich bin für das System Rüttgers abgestraft worden, obwohl ich da weniger dazugehörte als viele, die jetzt noch da sind“, lässt er sich in schwachen Momenten entlocken. Wen er damit meint, sagt er zwar nicht ausdrücklich. Aber wenn man sich das personelle Angebot der Partei hinter Röttgen genauer anschaut, findet man viele Gesichter, die zu den zentralen Stützen des Systems Rüttgers zählten: Neben Laschet sollen Laumann und Landtagspräsident Eckhard Uhlenberg Vizechefs der Partei werden. Sie saßen genau wie der künftige Generalsekretär Wittke im Kabinett des abgewählten Regierungschefs. Mit Christa Thoben beabsichtigt Röttgen eine weitere ehemalige Ministerin mit einer wichtigen Aufgabe zu betrauen: Die frühere Chefin des Wirtschaftsressorts soll Landesschatzmeisterin werden. „Das ist dann die Verjüngung“, ätzt ein Landesvorstandsmitglied, „da wird ein 63-Jähriger durch eine 69-Jährige ersetzt“. Diese Art von gehässigen Bemerkungen hat rings um die Wasserstraße gegenwärtig Konjunktur.

Röttgen bleibt das natürlich nicht verborgen. Er wird deshalb seinen inhaltlichen Anspruch an Erneuerung den Möglichkeiten der Landespartei anpassen und versucht im Moment jede weitere Irritation zu vermeiden. Genau darauf haben freilich die rot-grünen Büchsenspanner gewartet: SPD-Parteigeneral Michael Groschek verlangt Erneuerung. Und aus den die Regierung tragenden Landtagsfraktionen kommen Hinweise, Röttgen möge bitte in Berlin etwas für die darbenden Kommunen des größten Bundeslandes erreichen. Doch bevor er sich darum kümmern kann, muss er erst einmal den eigenen Laden in Ordnung bringen. Davon wird im Übrigen seine weitere Karriere abhängen. Über die denkt Norbert Röttgen in diesen Tagen übrigens viel weniger nach als manche andere in der eigenen Partei.

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