Politik : Rudolf Bindig war als einziger Abgeordneter in Tschetschenien

Armin Lehmann

Rudolf Bindig gefällt der Satz. Er hat ihn selbst kreiert. Es ist ein sehr schöner Satz, wie Bindig findet. "Wer Menschenrechtsarbeit macht, darf keine Hornhaut auf der Seele tragen." Ob die Hornhaut bei Rudolf Bindig zu finden wäre, ist schwer zu sagen. Er lässt nicht gerne so tief in sich hineinschauen. Gerade ist er aus Tschetschenien zurückgekehrt. Bindig ist in Hubschrauber gestiegen, die "so niedrig wie möglich" fliegen mussten. Auch niedrig über Wälder, weil das sicherer sei. Es war neblig und trüb, und russische Hubschrauber sind nicht besonders bequem. Womöglich lauerten Scharfschützen irgendwo da unten. Aber das weiß niemand so genau. Deshalb nennt Bindig seine Flüge ein "technologisches Risiko". Das klingt wie Kollateralschaden. Kühl und sachlich. Das ganze Leid, das ganze Elend, vollkommene Zerstörung - Bindig hat alles gesehen. Er hat in den Trümmern von Grosny gestanden. Aber er will jetzt nüchtern bleiben. Das Gefühl, die Wut, die Ohnmacht. Nur nicht zulassen.

Rudolf Bindig sitzt seit 24 Jahren für die SPD im Bundestag. Seit 1983 ist er in der Fraktion Sprecher für Menschenrechte und humanitäre Hilfe. Er ist der einzige deutsche Bundespolitiker, der im zweiten Tschetschenien-Krieg in die Krisenregion reiste. Auch Verteidigungsminister Scharping war noch nicht dort. Als Beobachter für die parlamentarische Versammlung des Europarats berichtet Bindig seit Anfang der neunziger Jahre aus Russland. Er kennt den designierten Präsidenten Putin aus der Zeit, als der noch Geheimdienstchef war.

Bindig weiß so ziemlich alles, was ein westlicher Politiker über die Menschenrechtsverletzungen der Russen nicht nur in diesem Krieg wissen kann. Aber er konnte nichts ändern daran, dass die Nato ausgerechnet während des Sturms auf Grosny eine verbesserte Militärkooperation mit Russland in Aussicht stellte. Geärgert hat er sich da. "Falsches Signal", poltert es aus ihm heraus. Er wollte ein "deutliches Zeichen", "kantigere Worte", aber weder der Europarat, noch die OSZE oder die Nato und auch nicht die Bundesregierung haben sie gesprochen, so lange die russischen Bomben noch auf die tschetschenische Dörfer fielen. Am Mittwoch hat Außenminister Joschka Fischer zwar in Genf die Russen kräftig kritisiert. Aber das ändert nichts an Bindigs Enttäuschung über die sanfte deutsche Haltung gegenüber Moskau.

Bindig begibt sich auf seinen Reisen in Lebensgefahr. Er war nicht nur in Tschetschenien, er war in fast allen Krisenregionen dieser Welt. In Afghanistan, in Somalia, auch im Kosovo. Er spricht darüber ohne Pathos, redet, als müsste er sich zwingen, wie ein Diplomat zu wirken. Dabei hat er eine einfache Begründung für das, was er tut. "Es muss sein." Punkt. Das ist seine Erkenntnis. Die genügt ihm. Er ist 1940 in Goslar am Harz geboren, seinen Vater hat er nicht kennen gelernt, weil der als Soldat in Russland starb. Er ist Diplomkaufmann, hat aber in Konstanz zudem Geschichte und Politik studiert. Ein typischer 68er. Das sagt er selbst von sich. Vielleicht müssen "typische 68er" auch das typische Glitzern in die Augen bekommen, wenn sie auf diese Zeit zurückblicken. Damals wurde er politisiert. Bei Leber mit Kartoffelpüree erinnert sich Bindig an die Zeit der Apo. Er saß in der Provinz, dort unten am Bodensee. Aber als Präsident des Konstanzer Studentenparlaments hatte er den Kontakt mit den ganz wichtigen Studentenvertretern, er kannte Rudi Dutschke. "Wir sind rumgekommen damals." Nach Freiburg etwa, wo man als Vertreter der Außerparlamentarischen Opposition mit der FDP diskutierte, mit Dahrendorf und Mischnick.

Mit Gerhard Schröder, Rudolf Scharping oder auch Heidemarie Wieczorek-Zeul war er bei den Jungsozialisten. Die drei haben Karriere gemacht, bekleiden höchste Ämter. Bindig aber sieht sich mit ihnen noch immer auf "gleicher Augenhöhe", in "meinem psychischen Selbstbewusstsein", wie er es ausdrückt. Erhard Eppler hat ihn in die Politik geholt. Über die Entwicklungspolitik kam er zu den Menschenrechten. Natürlich ist das Bild von der gleichen Augenhöhe ein wenig schief. Denn Bindigs Einfluss ist gering. Er weiß das, aber er denkt nicht daran. Er hat mit dafür gekämpft, dass es seit dem rot-grünen Wahlsieg zum ersten Mal einen ordentlichen Ausschuss für Menschenrechte im Bundestag gibt. Und wenn man Bindig nach den Ergebnissen fragt, dann zitiert er Grass: "Fortschritt ist eine Schnecke." Aber die Schnecke bewegt sich ja, findet Bindig. Wenigstens.

Doch bei allem Pragmatismus, den er zur Schau stellt: Der Mann mit der hohen Stirn, den weißen Haaren und dem ausgefransten Schnurrbart kann schon noch wütend werden. Er hat eine Vision, und er traut sich auch, sie sehr offensiv auszusprechen. "Weltverbesserer", ruft er und trommelt mit den Handknöcheln auf den Tisch. "Warum ist Weltverbesserer in Deutschland eigentlich ein Schimpfwort? Ich will das sein." Kein Kauz, sagt er, kein bunter Schmetterling. Nein, ein Weltverbesserer, den man ernst nimmt. Das ist nicht zu viel verlangt. Schließlich ist er ein akribischer Arbeiter, ein Fachmann auf seinem Gebiet. Professionell müsse man als Menschenrechtsexperte schon sein, denn sonst werde man überhaupt nicht ernst genommen. Aber ein Weltverbesserer wie Bindig weiß, dass solche Leute wie er "keine großen Gestalter" in der Politik sein können. Sie haben es schwer. Menschenrechtler bekämen beispielsweise kaum einmal ein hohes politisches Amt. Aber das hat Bindig seit 1976 nicht daran gehindert, "zäh am Fortschritt in den Menschenrechtsfragen zu arbeiten".

Emotionen zu zeigen, hat er sich anscheinend abtrainiert, auch wenn er keine Hornhaut auf der Seele trägt. Sicherlich sei es unfassbar, dass im 21. Jahrhundert eine Großstadt wie Grosny sozusagen von den eigenen Soldaten zerstört werde. "Die Russen schlagen einfach auf alles drauf, was sich bewegt." Man darf es nur nicht so direkt sagen, wegen der Diplomatie eben. Politik ist Pragmatismus. Bindig zuckt mit den Achseln, die Augen werden sehr klein. "Wir können nicht nur Gutmenschen sein."

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