Rückkehr nach China : Die Geschichte von Herrn Peng

Die in Deutschland aufgewachsene Xifan Yang begibt sich in ihrem Buch auf die Spuren ihrer Familie in China. Eine Rezension

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An besonders schlechten Tagen beträgt die Sichtweite in Peking weniger als 100 Meter.
An besonders schlechten Tagen beträgt die Sichtweite in Peking weniger als 100 Meter.Foto: dpa

Sieben Jahre lang wollte sie von ihrem Heimatland nichts wissen. Dann aber, als Xifan Yang kurz nach dem Abitur in Deutschland Verwandte in Schanghai besucht, traut sie ihren Augen kaum. Im Taxi fährt sie die Uferpromenade entlang und sieht jenseits des Flusses die futuristische Skyline des Bezirks Pudong vorbeiziehen. „Offenbar“, schreibt die junge Deutsch-Chinesin im Rückblick, „war mir in all den Jahren, die ich lieber am Baggersee verbracht hatte, komplett entgangen, dass China dabei war, sich in rasendem Tempo aus der Dritten Welt ins 21. Jahrhundert zu katapultieren.“

"Ich will keine Chinesin mehr sein!"

Als ihre Eltern sie mit nach Deutschland nahmen, war Xifan Yang vier Jahre alt. Sie wächst in Freiburg auf, wo ihre Mitschüler sie „Pingpong“ oder „Fidschi“ nennen. Bei den immer seltener werdenden Verwandtenbesuchen in China muss sie sich wiederum als „Banane“ bezeichnen lassen – als verwestlichte Auslandschinesin, die außen gelb, aber innen weiß ist. Kein Wunder, dass dem Mädchen seine Herkunft bald wie ein peinlicher Makel vorkommt, an den es möglichst nicht erinnert werden möchte. „Ich will keine Chinesin mehr sein!“, schreit sie als Teenagerin im Streit ihrer Mutter entgegen, die es still hinnimmt, aber nachts heimlich Tränen vergießt.

Erst als junge Erwachsene merkt Xifan Yang, dass das ärmliche Provinzchina ihrer halb verblassten Kindheitserinnerungen nicht mehr viel mit der chinesischen Gegenwart zu tun hat – und beschließt, ihre Wurzeln zu entdecken. Ein paar Sommer lang reist sie als Rucksacktouristin durchs Land, um schließlich, die junge Frau ist inzwischen Journalistin geworden, nach Schanghai umzusiedeln, wo sie heute als freie Auslandskorrespondentin für deutsche Medien arbeitet.

In ihrem ersten Buch erzählt Xifan Yang nun die Geschichte ihrer chinesischen Familie. Die Hauptfigur ist dabei ihr charismatischer Großvater, Herr Peng, der mit seinen inzwischen mehr als 80 Jahren noch immer von einer professionellen Gesangskarriere träumt – erstaunlich und auch wieder nicht, denn Ehrgeiz und der Drang nach ständiger Selbstperfektionierung sind in Xifan Yangs Buch alters- und klassenübergreifende Grundkonstanten der chinesischen Gegenwart.

Erstaunlich eher, dass einer wie Herr Peng überhaupt noch am Leben ist. Als junger Mann wegen eines unvorsichtigen Tagebucheintrags denunziert, wurde Yangs Großvater unter Mao Tse-tung zum Opfer gleich mehrerer Säuberungskampagnen in Folge. Die Verbannung in die Provinz und die anschließenden Demütigungen im Zuge der Kulturrevolution brachen jedoch weder seinen Lebenswillen noch seine Verbundenheit mit der Partei.

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Auch seine Tochter, Xifan Yangs Mutter, zieht es nicht aus politischen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland, als sich China unter Maos Nachfolger Deng Xiaoping zu öffnen beginnt. Als Chemie-Doktorandin lässt sie sich mit ihrer Tochter in Freiburg nieder. „Nach ihrer Studienzeit in Europa hätte sie auf der Stelle einen Topjob in Schanghai oder Hongkong bekommen“, schreibt Yang über ihre Mutter. Just in jenen Jahren wird jedoch in der Heimat die Diktatur des Proletariats durch einen Totalitarismus des Wettbewerbs abgelöst, der junge Chinesen bereits in der Schulzeit zum ständigen Leistungskampf mit ihren Altersgenossen zwingt. „Weil sie mir eine Kindheit in China ersparen wollte, blieb meine Mutter mit mir in Deutschland.“

Wie sehr sich deshalb ihr Lebensweg von den Erfahrungen gleichaltriger Chinesen unterscheidet, wird Yang erst vollständig bewusst, als sie in ihre alte Heimat zurückkehrt. Das Land, das sie nun kennenlernt, begeistert und irritiert sie gleichermaßen: So mitreißend sie Chinas gesellschaftliche Aufbruchsdynamik findet, so fremd ist ihr der unreflektierte, mitunter fast schizophren wirkende Partei-Patriotismus ihrer Landsleute. Frei ist davon nicht einmal Yangs leidenserprobter Großvater: Der alte Herr Peng stimmt in der Schlussszene dieses lesenswerten Familienpanoramas in einer Karaoke-Bar ein Loblied auf den „großen Steuermann Mao“ an.

Xifan Yang: Als die Karpfen fliegen lernten. China am Beispiel meiner Familie. Hanser Berlin, Berlin 2015. 336 Seiten, 19,90 Euro.

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