Politik : Rückzug mit gutem Gefühl

Die Bundeswehr beginnt mit der Verschiffung ihrer Afghanistan-Ausrüstung – und bewertet die Sicherheitslage im Land trotz vieler Verluste zunehmend positiv.

Ulrike Scheffer (mit AFP)
Zurück nach Hause. Die ersten 200 Fahrzeuge der Bundeswehr sollen Mitte August wieder in Emden eintreffen. Foto: dpa
Zurück nach Hause. Die ersten 200 Fahrzeuge der Bundeswehr sollen Mitte August wieder in Emden eintreffen. Foto: dpaFoto: dpa

Berlin/Istanbul - Die ersten schweren Geräte wurden am Montagvormittag auf das Schiff geladen. Etwa 200 Panzer, Jeeps und Container der Bundeswehr waren es am Ende, die den türkischen Schwarzmeerhafen Trabzon Richtung Deutschland verließen. Aus Afghanistan ausgeflogen wurden sie schon im April. Eineinhalb Jahre dauert es noch, bis der Einsatz der internationalen Afghanistantruppe auslaufen wird, doch der Abzug des Materials hat nun begonnen. Am 10. August soll die Fracht im ostfriesischen Emden ankommen.

85 Prozent des Materials, das die Bundeswehr vom Hindukusch aus zurück in die Heimat bringt, läuft über Trabzon. Für den Rücktransport, der bis bis Mitte 2015 abgeschlossen sein soll, sind rund 120 Bundeswehrsoldaten dauerhaft dort stationiert. Insgesamt muss die Armee rund 1200 Fahrzeuge und Material für etwa 4800 Container zurückbringen. Waffen und anderes sicherheitsempfindliches Material wird von Masar-i-Scharif aus mit gecharterten Antonow-Transportflugzeugen direkt in die Heimat geflogen. Die Frage ist nur: Wie sicher ist das Land, das die Truppe verlässt?

Ihre erste Bewährungsprobe haben die afghanischen Sicherheitskräfte offenbar bestanden. Bis zur Mitte der diesjährigen „Kampfsaison“, wie die Zeit von Frühjahr bis Herbst in Afghanistan in Nato-Kreisen genannt wird, ist es der neuen afghanischen Armee und den Polizeikräften nach Einschätzung führender Nato-Militärs in Kabul gelungen, die Oberhand gegenüber den Taliban und anderen Aufständischen zu behalten. „Die Regierungstruppen sind jetzt so stark, dass sie in den kommenden Jahren von den Aufständischen nicht besiegt werden können“, heißt es im operativen Kommando der Nato-Schutztruppe Isaf in Kabul.

Wie der Tagesspiegel von hochrangigen Nato-Militärs erfuhr, hat Afghanistan aus Sicht seiner westlichen Verbündeten damit ein Zeitfenster von drei bis vier Jahren, in dem sich das Land politisch stabilisieren kann und einen Ausgleich zwischen verschiedenen Interessengruppen erreichen muss. Konkret wird es vor allem auf die geplanten Gespräche zwischen der Kabuler Regierung und den Taliban ankommen.

Im Frühjahr 2011 hatte die Nato schrittweise begonnen, die Sicherheitsverantwortung an die Afghanen zu übergeben. Vor wenigen Wochen wurde der Prozess bei einer feierlichen Übergabezeremonie offiziell abgeschlossen. 85 Prozent aller militärischen Operationen in Afghanistan werden laut den Nato-Angaben nun von den Afghanen selbst durchgeführt, auch die komplette Einsatzplanung sei in afghanischer Hand. Als Konsequenz sind aber auch die Verlustzahlen bei den afghanischen Sicherheitskräften seit dem vergangenen Jahr dramatisch gestiegen.

Derzeit sterben jeden Monat rund 100 afghanische Soldaten oder Polizisten bei Angriffen oder Anschlägen von Aufständischen. „Die Verlustzahlen haben sich von den Isaf-Kräften auf die afghanischen verlagert“, heißt es im Isaf-Kommando. Demnach wurden noch im vergangenen Jahr monatlich rund 100 Soldaten der Nato in Afghanistan getötet. Nun konzentrieren sich die an der Isaf beteiligten Nationen vor allem auf den geplanten Abzug der Mission im kommenden Jahr – und bereiten sich gleichzeitig schon auf den Nachfolgeeinsatz vor.

Als erstes Land des Isaf-Verbands hat Deutschland aber auch zugesagt, weiter bis zu 800 Bundeswehrsoldaten für Ausbildungs- und Trainingszwecke in Afghanistan zu stationieren, denn trotz des allgemeinen Lobes für die Afghanen sehen Nato-Kommandeure „qualitativ“ noch Verbesserungsbedarf bei den neuen Streitkräften. Insgesamt planen die Nato-Militärs mit 10 000 bis 15 000 Soldaten für die Zeit nach 2014, derzeit sind noch rund 85 000 ausländische Soldaten in Afghanistan, darunter knapp 4400 Bundeswehrsoldaten. Ulrike Scheffer (mit AFP)

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