Russland : Hohe Zölle auf Autos verärgern Iwan Normalverbraucher

Russlands Businesseliten fürchten nichts mehr als eine „vorrevolutionäre Stimmung“, wie sie KP-Chef Gennadi Sjuganow schon im November ausmachte. Diese Ansicht vertritt der Wissenschaftler Stanislaw Belkowski vom Institut für nationale Strategien.

Elke WindischD

Moskau - Das gelte zumal in Krisenzeiten. Sollte die Regierung nicht in der Lage sein, für Stabilität zu sorgen, würde das Großkapital ungeachtet aller sonstigen Interessenkonflikte schnell Konsens zum Rücktritt des Kabinetts erzielen.

Solche Befürchtungen sind in der Tat berechtigt. Gegen die Ende letzter Woche beschlossenen Anhebungen der Einfuhrzölle für Autos gingen allein am letzten Wochenende mehr Menschen auf die Straße als bei den Demos der Kommunisten und den Protestmärschen von Ex-Schachweltmeister Garry Kasparow zusammen. Denn die neuen Gesetze sind ein Griff nach dem Geldbeutel von Iwan Normalverbraucher, dessen Eselsgeduld durch die Folgen der weltweiten Finanzkrise für Russland ohnehin erschöpft ist.

So sollen zum Schutz der heimischen Automobilbranche die Einfuhrzölle für Neuwagen ab 1. Januar von gegenwärtig 25 auf 30 Prozent erhöht werden. Auch die Einfuhrzölle für Gebrauchtwagen zogen deutlich an. Der Kauf einer Innomarka – eines ausländischen Autos – solle sich künftig nicht mehr lohnen, tönte Putin beim Besuch der Kamaz- Werke. Arbeiter und Management nickten beifällig. Anderswo formiert sich aber Widerstand: in Kaliningrad, wo sich an den Grenzübergängen am Wochenende lange Schlangen bildeten, um die letzte Möglichkeit zum günstigen Einkauf eines Gebrauchtwagens in Polen zu nutzen, oder in Wladiwostok, wo es den größten Markt für Importe aus Japan, China und Südkorea gibt. Dort stellte sich sogar der vom Kreml eingesetzte Gouverneur Sergej Darkin auf die Seite der protestierenden Bürger.

Denn Russen wollen keine Russen-Autos fahren. Selbst wenn Vater Staat, wie Putin ankündigte, im kommenden Jahr den Großteil der Zinsen für Autokredite übernimmt. Die Qualität hiesiger Autos, erregte sich Oppositionspolitiker Wladimir Ryschkow, sei „der gleiche Mist wie schon vor 30 Jahren. Die Leute werden die Regierung verfluchen. Umso mehr, da unsere Bonzen sich weiter in dicken, ausländischen Limousinen durch die Gegend kutschieren lassen“. Elke Windisch

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