Russland : Prügel vor laufender Kamera

Drei deutsche Moskau-Korrespondenten zeichnen ein düsteres Bild von der Pressefreiheit in Russland.

Tim Klimeš

BerlinAn Drohungen gegen Boris Reitschuster hat es nicht gefehlt. Auslöser ist ein Buch mit 336 Seiten – jetzt auch in Deutschland erschienen unter dem Titel „Putins Demokratur. Wie der Kreml den Westen das Fürchten lehrt“. Das Buch liefert eine Bestandsaufnahme der russischen Meinungsfreiheit – und auch die Versuche der Einschüchterung des Autors nach Veröffentlichung zeigen, wie es um diese in Russland bestellt ist.

Boris Reitschuster, Leiter des Moskauer „Focus“-Büros, war einer von drei Russlandkorrespondenten, die am Freitag auf Einladung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion eine Einschätzung über die journalistische Arbeit im Russland des Wladimir Putin gaben. Gemeinsam mit Thomas Roth, Leiter des ARD-Studios Moskau, und Cornelia Rabitz, Leiterin des Russlandprogramms der Deutschen Welle, zeichneten die drei Journalisten vor Vertretern des Bundestages und Kollegen ein anschauliches Bild, was in der heutigen russischen Realität Pressefreiheit bedeutet.

Und dazu präsentierten sie reichlich Belege: Cornelia Rabitz schilderte, wie freie Mitarbeiter der Deutschen Welle zu ihrem eigenen Schutz aus dem Job genommen wurden. Thomas Roth beschrieb eine Prügelattacke der russischen Miliz gegen einen seiner Kollegen – vor laufenden Kameras.

Wladimir Putin sehe die Pressefreiheit als „Freiheit der Mächtigen vor der Presse“, sagte Boris Reitschuster. Aus diesem Grund existierten in Russland nur noch vereinzelt „Inseln der Pressefreiheit“, wie etwa die Zeitung „Nowaja Gaseta“. Für sie arbeitete unter anderen auch die vor einem Jahr ermordete Journalistin Anna Politkowskaja. Dass der Fall nun tatsächlich rechtlich abgeschlossen sei, glaubt Thomas Roth nicht. Dass ein Großteil der festgenommenen Verdächtigen bereits wieder freigelassen wurde, habe in Russland niemand mitbekommen. Hier liege das Problem. Die russische Gesellschaft habe keine eigene Meinung mehr, weil sie sich gar keine bilden könne. Was das staatliche Fernsehen zeigt, nannte Boris Reitschuster „die Putin-Superman-Show“.

Damit sich etwas ändert, müsse man sich zuvorderst „vor Selbstgerechtigkeit hüten“, sagte Cornelia Rabitz. Wer solle es den russischen Journalisten verdenken, dass sie auch in diesem Staat ihr Geld verdienen wollen. Eine Verurteilung der Kollegen führe zu nichts. Laut Thomas Roth sei es schwer, die Veränderungen in einem großen Akt bewältigen zu wollen. „Es bedarf vieler kleiner Schritte“, sagte Roth. Mit ihrer erst kürzlich geäußerten Kritik an den Verhaftungen in Samara sei Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem richtigen Weg. Russland spüre den internationalen Groll und sei darauf bedacht, sich seinen Ruf „nicht vollends zu verderben“.

Wie lang der russische Weg zur Pressefreiheit noch ist, konnten selbst die Berichterstatter aus Moskau nicht vorhersagen. „Bald stehen die Präsidentschafts- und die Dumawahlen an“, sagte Cornelia Rabitz. „Das sind nicht die Zeiten, die etwas verändern können.“

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