Politik : Saddam Hussein: Gerüchte um den Dikatator vom Golf

Birgit Cerha

Riesige Töpfe mit Reis, gespickt mit gekochtem Rindfleisch, säumten die Straßen von Tikrit, dem Geburtsort des irakischen Präsidenten Saddam Hussein. Die Menschen jubelten und schwenkten Blumen, während hohe Repräsentanten der irakischen Führung Fotos mit dem milde lächelnden Konterfei des Diktators verteilten. Auf Spruchbändern feierten die Iraker den "größten arabischen Führer aller Zeiten", und Iraks zweitmächtigster Mann, Izzat Ibrahim, flehte "zu Gott, Saddams Leben zu verlängern und uns, unsere Nation zum Sieg über unsere Feinde und die Feinde der Humanität zu führen". Doch Saddam selbst ist nicht gekommen zu seinem 63. Geburtstag. Izzat Ibrahim musste an seiner Stelle den überdimensionalen Geburtstagskuchen anschneiden, die zweistündige Tanzvorführung und eine Parade abnehmen.

Die arabische Zeitung "Ash-Sharq el-Awsat", die in London erscheint, glaubt nun dahinter gekommen zu sein, warum Saddam an jenem Tag im April nicht mitgefeiert hat: Iraks Herrscher leide an Lymphdrüsenkrebs, zurzeit bereite er sich auf eine chemotherapeutische Behandlung vor. Ein irakischer Arzt von "exzellenter Reputation" wird in dem Artikel als Quelle genannt. Ihm zufolge soll einer der unzähligen Präsidentenpaläste in einem Vorort von Bagdad in eine Privatklinik zur Behandlung des Diktators verwandelt worden sein. Die medizinische Ausrüstung habe man aus dem benachbarten Jordanien geholt. "Er leidet unter Gelenkschmerzen, Atemnot, Sehstörungen, zeitweisem Gedächtnisverlust und Mangel an Konzentration", berichtete der Arzt und fügte hinzu, dass Saddam in der Vergangenheit eine Chemotherapie abgelehnt habe, doch dass ihm diesmal Krebsspezialisten keine andere Wahl mehr ließen. Es heißt, der irakische Diktator wirke gealtert, er habe Gewicht verloren, wirke oft blass.

Da passt es ins Bild, dass Saddam nicht zu seiner Geburtstagsfeier gegangen ist, auch, dass der Despot noch nicht einmal das erste Staatsoberhaupt begrüßte, das seit dem Krieg zur Befreiung Kuwaits den international geächteten Irak beehrte: Venezuelas Präsident Hugo Chavez. Iraks staatlich gelenkte Medien feierten einen "bahnbrechenden Besuch", doch Saddam ließ den Südamerikaner durch Vizepräsident Ramadan und Ölminister Raschid begrüßen. Erst später fuhr der Diktator in seiner Luxuslimousine mit dem Gast durch Bagdad.

Natürlich, was das alles zu heißen hat, weiß man nicht wirklich - im Irak bleiben Entwicklungen an der höchsten Staatsspitze bestgehütete Geheimnisse. Trotzdem kehren seit Jahren in westlichen und auch in arabischen, dem Irak wenig freundlich gesinnten Medien Berichte über den schlechten Gesundheitszustand eines der größten politischen Überlebenskünstler unserer Zeit wieder.

Es ist bekannt, dass der Diktator um seine Sicherheit panisch besorgt ist - auch das ist ein Grund, warum er sich nur höchst selten in der Öffentlichkeit zeigt. Saddams Misstrauen - selbst gegen seine engsten Familienmitglieder - ist so legendär, dass man sich erzählt, der Diktator schüttle nur dann die Hand eines Menschen, wenn er sicher sei, dass sich kein Gift unter seinen Fingernägeln verberge. Es heißt, Saddam benutze keine Mobiltelefone, damit man nicht seine Spur verfolgen kann. Er reist incognito durchs Land, er hält politische Treffen an geheimen Orten ab und fährt nur in einem Konvoi von zehn völlig gleich aussehenden Fahrzeugen, damit niemand feststellen kann, in welchem Auto er sich befindet.

So überrascht auch nicht die Behauptung von "Ash-Sharq el-Awsat", Saddam habe es abgelehnt, sich von irakischen Ärzten behandeln zu lassen, und habe sich in die Hände eines westlichen Medizinerteams begeben. Angeblich überwacht der Präsidentensekretär Abed Hmoud die drei Ärzte: einer kommt aus Frankreich, einer aus Deutschland, einer aus Schweden.

Ungewöhnlich an diesen Berichten ist vor allem eines: Unabhängige irakische Kreise weisen sie diesmal nicht vollständig zurück. Der prominente Oppositionelle Laith Kubba zum Beispiel glaubt, an den Gerüchten sei einiges Wahres dran. Zum Beispiel habe Saddam seinen jüngeren Sohn Qusay zu einem Besuch des neuen syrischen Präsidenten Assad geschickt, und er habe den schon vor einiger Zeit zu seinem Nachfolger designierten Sicherheitschef mit größeren Befugnissen bei der Verwaltung der Staatsgeschäfte ausgestattet. Konkrete Hinweise auf den möglicherweise veränderten Zustand des Präsidenten glaubt Kubba in der jüngsten Rede Saddams vom 8. August zu erkennen, als der Irak das Ende des Krieges gegen den Iran vor zwölf Jahren feierte. Zwar attackierte Saddam heftig die arabischen Herrscher am Golf, die sich den USA und den "Zionisten" verkauften. Er wünschte ihnen auch, wie immer, "alles Übel", gleichzeitig aber erteilte er in erstaunlich gemäßigter Sprache seinem Volk eine Lektion über das Leben in seinem Lande.

Schon vor einiger Zeit hatte Saddam seine Nachfolge vorbereitet. Er setzt nach dem Vorbild des im Juni gestorbenen syrischen Präsidenten Assad auf seine Dynastie. So hat laut "Ash-Sharq el-Awsat" nun auch der Familienrat ein Sondergremium gebildet, das im Ernstfall einen reibungslosen Übergang der Macht auf Qusay garantieren soll. Doch ob das so reibungslos funktionieren kann wie in Syrien, erscheint fraglich, denn Saddam Hussein stützt sich heute nur auf einen kleinen Kreis seines Clans aus Tikrit. Seine Familie - im iranischen Machtsystem ein wichtiger Faktor - ist zerstritten. 1996 hat Saddam angeordnet, seine beiden Schwiegersöhne zu ermorden. Die Schwiegersöhne sind ins jordanische Exil geflüchtet; Saddams Frau und seine Töchter stehen seitdem unter Hausarrest. Die Mitglieder ihres Clans sinnen zweifellos auf Rache. Und auch Saddams einst mächtiger Bruder Barzan al Tikriti, der in Ungnade gefallen ist, könnte gefährlich werden.

Niemand, so schien es, konnte Saddam bezwingen, auch nicht die Supermacht USA. So hat ihn eine Aura der Unbesiegbarkeit umgeben; sie ist eines der Geheimnisse der erstaunlichen Überlebenskunst Saddam Husseins. Die Berichte über Saddams tatsächliche - oder angebliche - Krankheit lassen immerhin einen Schluss zu: Die Aura schwindet, der Thron am Tigris wankt.

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